Der FC Schalke 04 steht als Herbstmeister an der Tabellenspitze der 2. Bundesliga und träumt von der Rückkehr ins Oberhaus. Mit Stürmerlegende Edin Džeko kommt nun prominente Verstärkung – doch reicht das für den Aufstieg?
Herbstmeister mit Rekordwerten: Schalke dominiert die 2. Bundesliga
Was vor Saisonbeginn kaum jemand für möglich gehalten hätte, ist Realität geworden: Der FC Schalke 04 geht als Tabellenführer in die Rückrunde der 2. Bundesliga. Mit 37 Punkten aus 17 Spielen sicherten sich die Königsblauen souverän die Herbstmeisterschaft – ein Wert, der in der 2. Liga zuletzt 2018/19 vom Hamburger SV erreicht wurde.
Das Prunkstück der Schalker ist dabei die Defensive. Nur zehn Gegentore kassierten die Gelsenkirchener in der ersten Saisonhälfte – der absolute Bestwert der Liga. Torhüter Loris Karius hielt neunmal die Null und weist gemeinsam mit Herthas Marius Gersbeck die beste Abwehrquote aller Zweitliga-Keeper auf. Abwehrchef Nikola Katić, der im Sommer vom FC Rangers kam, hat sich zum Fanliebling entwickelt und schwärmt von Trainer Miron Muslić: “Er ist der beste Trainer, mit dem ich jemals zusammengearbeitet habe.”
So eine gute Bilanz wie in dieser Hinrunde hatte Königsblau in 63 Jahren Profifußball nur einmal zuvor: In der Saison 1971/72 kamen die Schalker unter Trainer Ivica Horvath auf zwölf Siege und zwei Remis nach 16 Partien. Eine historische Dimension also, die Hoffnung auf die Bundesliga-Rückkehr macht.
Das Offensivproblem: Nur 22 Tore in 18 Spielen
Doch die Statistik offenbart auch eine Schwachstelle: Schalkes Offensive. Mit lediglich 22 erzielten Toren rangieren die Königsblauen nur im Mittelfeld der Liga – weniger als manches Team im Abstiegskampf. Kapitän Kenan Karaman führt mit sechs Treffern die vereinsinterne Torschützenliste an, doch das reicht nicht für einen Aufstiegsfavoriten.
Neun Siege gelangen dem Team von Miron Muslić mit nur einem Tor Vorsprung, lediglich beim 3:0-Auswärtssieg in Hannover erzielte Schalke mehr als zwei Tore. Stürmer Moussa Sylla wartet seit sieben Zweitliga-Spielen auf ein Erfolgserlebnis und hat seinen Expected-Goals-Wert um fast vier Treffer unterboten.
Das Spielsystem unter Muslić – aggressives Pressing, wenig Ballbesitz (mit 43 Prozent schlechtester Ligawert), schnelles Umschaltspiel – hat sich als äußerst erfolgreich erwiesen. Doch die 1:2-Niederlage zum Hinrundenabschluss bei Eintracht Braunschweig zeigte: Die Konkurrenz hat den Schalker Fußball entschlüsselt.
Transfer-Coup: Edin Džeko kehrt nach Deutschland zurück
Um das Offensivproblem zu lösen, haben die Verantwortlichen tief in die Trickkiste gegriffen und einen echten Transfercoup gelandet: Edin Džeko kehrt nach Deutschland zurück. Der bosnische Stürmerstar unterschrieb am 22. Januar bei Schalke und wird künftig mit der legendären Rückennummer 10 auflaufen.
Džeko bringt eine beeindruckende Karriere mit nach Gelsenkirchen: Über 900 Pflichtspiele als Profi, mehr als 220 Tore für Topklubs wie Manchester City, AS Rom und Inter Mailand. In Deutschland wurde er 2009 mit dem VfL Wolfsburg unter Felix Magath sensationell Meister – mit 26 Saisontoren. Ein Jahr später holte er sich mit 22 Treffern die Torjägerkanone.
Bei seiner letzten Station AC Florenz war der mittlerweile 39-Jährige außen vor. In der laufenden Serie-A-Saison kam er auf nur elf Einsätze mit insgesamt 236 Minuten Spielzeit – ohne Torerfolg. Doch entscheidend für seine Zusage an Schalke waren intensive Gespräche mit Trainer Muslić, Nationalmannschaftskollege Nikola Katić und Ex-Schalker Sead Kolašinac.
Der Vertrag ist stark leistungsbezogen gestaltet: Neben Torprämien winkt dem Bosnier eine satte Aufstiegsprämie, sollte die Bundesliga-Rückkehr gelingen. Schalke zahlt keine Ablöse, lediglich Bonuszahlungen an Florenz werden fällig.
Muslićs Plan B: Mehr Spielkultur in der Rückrunde
Trainer Miron Muslić arbeitet derweil an einer taktischen Weiterentwicklung. Die Erkenntnis aus den letzten Hinrundenspielen: Das Team soll nicht mehr ausschließlich hohe und weite Bälle in die gegnerische Hälfte befördern. “Wir möchten einen flacheren Spielaufbau haben”, erklärte Mittelfeldspieler Ron Schallenberg nach dem jüngsten Testspiel gegen den VfL Osnabrück (2:0).
“Wir wollen den nächsten Gang finden, was offensive Abläufe angeht”, bestätigte Muslić selbst. In der Winterpause lag darauf ein besonderer Trainingsschwerpunkt. Die Balance zwischen der erfolgreichen Defensivstärke und mehr Spielkultur wird zur entscheidenden Aufgabe in der Rückrunde.
Rückrundenauftakt mit Dämpfer: 0:0 bei Hertha BSC
Der Start in die zweite Saisonhälfte verlief holprig. Beim Traditionsduell gegen Hertha BSC im ausverkauften Olympiastadion – über 71.000 Zuschauer, davon mehr als 10.000 Schalke-Fans – kam Königsblau nicht über ein torloses Remis hinaus. Überschattet wurde die Partie zudem von massiven Fanprotesten.
Die Chance, sich an der Tabellenspitze weiter abzusetzen, blieb damit ungenutzt. Nach 18 Spieltagen steht Schalke bei 38 Punkten, der Vorsprung auf den Relegationsplatz ist auf vier Zähler geschrumpft. Mit nun 29 Punkten hält Hertha Kontakt zur Spitzengruppe – und die Konkurrenz schläft nicht.
Starke Konkurrenz im Aufstiegsrennen
Das Aufstiegsrennen in der 2. Bundesliga ist so eng wie selten zuvor. Hinter Schalke lauern gleich mehrere ambitionierte Klubs: Die SV Elversberg und der SV Darmstadt 98 belegten nach der Hinrunde die Plätze zwei und drei. Der SC Paderborn, der 1. FC Kaiserslautern und Hannover 96 mischen ebenfalls kräftig mit. Und auch Hertha BSC hat die Aufstiegsambitionen noch längst nicht aufgegeben.
Die nächsten Wochen werden richtungsweisend. Nach dem Hertha-Remis warten mit dem Heimspiel gegen Kaiserslautern und dem Auswärtstrip zum abgestiegenen VfL Bochum zwei weitere schwere Prüfungen. “Nach den ersten drei Partien dürfte eine Tendenz erkennbar sein, ob die Schalker bis zum Saisonende um den Aufstieg mitspielen können”, analysieren Beobachter.
Expertenmeinungen: Zwischen Euphorie und Skepsis
Die Prognosen der Fachleute gehen auseinander. Aufstiegsexperte Friedhelm Funkel, der zuletzt den 1. FC Köln zurück in die Bundesliga führte, ist überzeugt: “Schalke steht bei 37 Punkten. Wenn sie in der Rückrunde noch 25 Zähler holen – und das wären zwölf weniger als in der Hinrunde – dann stehen sie bei 62 Punkten. Das sollte für den Aufstieg reichen.” Der 72-Jährige geht von einem direkten Aufstieg aus und verweist auf die herausragende Defensive sowie die Stabilität durch Sportdirektor Frank Baumann und Trainer Muslić.
Deutlich skeptischer äußert sich RTL-Experte Felix Kroos. “Wenn wir die Hinrunde sportlich ganz nüchtern bewerten, haben sie in ihrer Punkteausbeute überperformt”, analysiert der frühere Profi. “Mir fehlt die Fantasie, was sie rein fußballerisch über ihre Abwehrstärke hinaus entwickeln können.” Die schwache Torausbeute werde am Ende entscheidend sein – trotz Džeko, der erst beweisen müsse, dass er noch fit genug für den intensiven Zweitliga-Fußball sei.
Psychologische Komponente: Zwischen Euphorie und Druck
Nach zwei schweren Jahren, in denen sogar der Absturz in die 3. Liga drohte, ist die Sehnsucht nach der Bundesliga-Rückkehr auf Schalke riesengroß. Das Zusammenspiel von Begeisterung auf den Rängen und sportlichem Erfolg könnte die Königsblauen tatsächlich nach oben tragen.
Doch die große Erwartungshaltung birgt auch Risiken. Läuft es über mehrere Wochen nicht nach Wunsch, könnte sich der treue und stimmgewaltige Anhang als Druckmittel erweisen. Umso wichtiger ist die besonnene Kommunikation der Verantwortlichen. Kapitän Karaman gibt sich zurückhaltend: “Das Wort Aufstieg ist noch sehr weit weg. Erstmal ist wichtig, dass wir in der Rückrunde punkten.”
Auch Abwehrchef Katić hält sich bedeckt: “Ich weiß, es ist langweilig für euch, aber wir denken wirklich nur von Spiel zu Spiel.” Diese Mentalität – gepaart mit der neuen Offensivkraft durch Edin Džeko – könnte der Schlüssel sein. “Mit dem Messer zwischen den Zähnen” wolle man die Rückrunde angehen, kündigte Katić selbstbewusst an.
Die Chancen stehen gut - aber nichts ist garantiert
Der FC Schalke 04 hat alle Voraussetzungen für die Bundesliga-Rückkehr geschaffen: eine stabile Defensive, einen erfahrenen Trainer, einen hungrigen Kader und nun mit Džeko auch die erhoffte Offensivverstärkung. Die 37 Punkte aus der Hinrunde sind ein starkes Fundament.
Doch die 2. Bundesliga ist unberechenbar, die Konkurrenz stark und der Druck des Umfelds enorm. Ob Königsblau tatsächlich nach drei Jahren in die Bundesliga zurückkehrt, entscheidet sich in den kommenden Monaten auf dem Rasen – mit dem Messer zwischen den Zähnen und hoffentlich mit treffsicheren Stürmern.


