Die deutsche Regionalliga steht vor ihrer größten Strukturreform seit 2012. Was als Initiative von 17 Nordost-Vereinen unter dem Motto “Aufstiegsreform 2025” begann, hat sich zu einer bundesweiten Bewegung entwickelt, die das bestehende Aufstiegssystem grundlegend in Frage stellt. Der Kern des Problems: Fünf Regionalliga-Staffeln teilen sich vier Drittliga-Startplätze – eine mathematische Ungleichung, die seit Jahren für Unmut sorgt.
Die aktuelle Regelung bevorzugt deutlich die Staffeln West und Südwest. Die Meister der Staffeln West und Südwest erhalten dabei jedes Jahr einen festen Aufstiegsplatz, da deren Gebiete aufgrund ihrer großen Bevölkerungsdichte gemeinsam über 50 Prozent der gemeldeten Herrenmannschaften in Deutschland ausmachen. Die drei übrigen Staffeln – Nord, Nordost und Bayern – müssen sich hingegen zwei Plätze im Rotationsprinzip teilen, wobei einer direkt aufsteigt und die anderen beiden den vierten Platz ausspielen.
Die Initiative formiert sich
Am 12. Februar 2025 präsentierten Vertreter der Regionalliga Nordost ihre Reformvorschläge in einer professionell organisierten Pressekonferenz. “Meister müssen aufsteigen” lautet die zentrale Forderung der Initiative, die mittlerweile weit über ihre ostdeutschen Wurzeln hinausgewachsen ist.
Tommy Haeder vom Chemnitzer FC, Sprecher der Initiative, macht den Ernst der Lage deutlich: “Wir werden gemeinsame Gespräche in den kommenden Wochen führen, fordern vom NOFV, dass er sich einbringt. Wenn wir merken, dass es keine Veränderungen mit sich bringt, dann scheuen wir uns nicht vor weiteren Maßnahmen.” Sogar juristische Schritte oder Spieltagsaktionen stehen im Raum.
Die Unterstützerliste wächst kontinuierlich. Neben den Nordost-Vereinen haben sich mittlerweile Klubs aus allen Staffeln angeschlossen, darunter prominente Namen wie Hansa Rostock, Energie Cottbus, Erzgebirge Aue und Zweitliga-Aufsteiger Dynamo Dresden aus der 3. Liga sowie die Würzburger Kickers aus Bayern und Rot-Weiß Oberhausen und der 1. FC Bocholt aus dem Westen.
Der Reformvorschlag: Vier statt fünf Staffeln
Das Herzstück der Reform ist die Reduzierung auf vier Regionalligen mit jeweils 20 Teams. In einem Übergangsjahr würden alle vier Staffeln zunächst aus 22 Teams bestehen, anschließend soll die Zahl der Vereine auf 20 reduziert werden. Die diskutierte Neuaufteilung sieht folgendermaßen aus:
Regionalliga Nord: Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern
Regionalliga Ost: Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Hessen
Regionalliga West: Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland
Regionalliga Süd: Bayern und Baden-Württemberg
Diese Struktur würde allen vier Meistern den direkten Aufstieg ermöglichen, ohne dass die 3. Liga einen zusätzlichen Abstiegsplatz opfern müsste.
Widerstand aus dem Südwesten
Während die Initiative bundesweit Zulauf erhält, formiert sich im Südwesten deutlicher Widerstand. Kein einziger Klub aus dem Südwesten hat sich bisher zu diesem Regionalliga-Reformprojekt offiziell bekannt. Die Gründe liegen auf der Hand: Die Südwest-Staffel profitiert vom aktuellen System mit ihrem garantierten Aufstiegsplatz.
Giuseppe Lepore vom TSV Steinbach Haiger bringt die Stimmung auf den Punkt: “Die hessischen Vereine auszuklammern und zum Nordosten zu packen, findet eine breite Ablehnung”. Christian Hock von Kickers Offenbach wird noch deutlicher und bezeichnet die Idee als “wahnwitzige Idee”, da hessische Vereine “vier- bis fünfmal in der Saison nach Berlin” fahren müssten.
Die finanziellen Bedenken wiegen schwer. Michael Görner, Präsident des FSV Frankfurt, warnt: “Dann hätten wir immense Reisen, sogar bis nach Berlin, und zusätzliche Kosten. Das ist für unseren Verein nicht darstellbar.”
Alternative Lösungsansätze
Neben dem Vier-Staffel-Modell werden weitere Optionen diskutiert:
- Zweigleisige 4. Liga: Eine radikale Vereinfachung auf nur zwei große Regionalligen
- Playoff-System: Alle fünf Meister spielen in einer Endrunde vier Aufsteiger aus
- Erweiterung der 3. Liga: Aufstockung auf 22 Teams bei fünf Absteigern
- Eigene U23-Liga: Auslagerung der Zweitvertretungen in eine separate Spielklasse
Der Zeitplan
Die Initiative verfolgt einen ambitionierten Zeitplan:
- 7. September 2025: Frist für Anträge zum DFB-Bundestag
- 7. November 2025: DFB-Bundestag mit Einsetzung einer Arbeitsgruppe
- 2026: Außerordentlicher DFB-Bundestag zur Verabschiedung der Reform
- Saison 2027/28: Geplanter Start der reformierten Regionalliga
DFB unter Zugzwang
Der DFB muss das Thema endlich zur Chefsache machen, fordert kicker-Redakteur Jan Mauer in seinem Kommentar. Die föderalen Strukturen des deutschen Fußballs erschweren eine Einigung erheblich. “Es ist nicht möglich, dass aus fünf Regionalligen vier gemacht werden, ohne dass es irgendwo in Fußball-Deutschland große Probleme gibt”, hatte der ehemalige DFB-Vizepräsident Rainer Koch bereits 2019 festgestellt.
Ausblick
Die Regionalliga-Reform 2025 steht an einem kritischen Punkt. Die wachsende Initiative hat erstmals eine realistische Chance, das verkrustete System aufzubrechen. Doch der Widerstand aus privilegierten Staffeln und die komplexen Verbandsstrukturen bleiben große Hürden.
Klar ist: Eine Lösung ohne Verlierer wird es nicht geben. Die Frage ist nur, ob der DFB den Mut aufbringt, eine gerechte Lösung durchzusetzen, die allen Meistern den Aufstieg ermöglicht – oder ob die Reform erneut in den Mühlen der Verbandspolitik zerrieben wird. Die kommenden Monate werden zeigen, ob aus der Initiative “Aufstiegsreform 2025” tatsächlich eine historische Strukturreform wird oder nur ein weiterer gescheiterter Versuch, das deutsche Ligasystem zu modernisieren.


