Bundestrainer Julian Nagelsmann hat beim 67. Internationalen Trainerkongress des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL) in Leipzig die strategischen Grundpfeiler für die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Mexiko und Kanada präsentiert. Vor rund 1.000 Zuhörern, darunter prominente Trainerkollegen wie Christian Streich und Roger Schmidt, skizzierte der 38-Jährige am Mittwoch nicht nur seine taktischen Vorstellungen, sondern traf auch wegweisende Personalentscheidungen für die kommenden Monate.
WM-Kader nimmt Gestalt an
Nagelsmann offenbarte, dass er bereits eine klare Vorstellung vom deutschen WM-Aufgebot hat. “Ich habe etwa 35 Spieler im Blick”, erklärte der Bundestrainer in der Kongresshalle am Leipziger Zoo. Die endgültige Auswahl soll sich aus 23 Akteuren zusammensetzen, “die am besten zueinander passen, ihre Rollen gut erfüllen und eine Grätsche mehr lieben als den Ball in den Halbraum”.
Ein bemerkenswertes Signal: Wer in den kommenden Länderspielen regelmäßig nominiert wird, darf sich berechtigte Hoffnungen auf eine WM-Teilnahme machen. Der Bundestrainer betonte, dass er auf Kontinuität setze und bereits jetzt die Weichen für das Turnier in Nordamerika stelle.
Kimmich-Rochade: Zurück zu den Wurzeln
Die überraschendste Entscheidung betrifft Joshua Kimmich. Der DFB-Kapitän, der zuletzt sowohl bei der Heim-EM 2024 als auch in der Nations League als Rechtsverteidiger agierte, kehrt ins defensive Mittelfeld zurück. “Stand jetzt kehrt er auf die Sechs zurück, weil er einfach einer von zwei, drei Spielern ist, der in seinem Klub da immer spielen wird”, begründete Nagelsmann die Positionsrochade.
Die Entscheidung basiert auf pragmatischen Überlegungen: Mit nur noch etwa einem Jahr Vorbereitungszeit bis zur WM könne man sich keine Experimente leisten. “Aufgrund der Kürze der Zeit haben wir einfach nicht die Option, zu viel zu testen auf dieser Position”, unterstrich der Bundestrainer. Das zentrale Mittelfeld bezeichnete er als “das Herzstück einer jeden Mannschaft”, das frühzeitig eingespielt sein müsse.
Allerdings ließ sich Nagelsmann eine Hintertür offen: Sollten die anvisierten Rechtsverteidiger-Kandidaten “auf ganzer Linie versagen”, könnte Kimmich notfalls wieder nach außen rücken. Als potenzielle Nachfolger auf der rechten Abwehrseite nannte er U21-Talente wie Nathaniel Brown (Eintracht Frankfurt), Nnamdi Collins (ebenfalls Frankfurt) und Max Rosenfelder (SC Freiburg), die sich bei der U21-EM empfohlen hatten.
Neue defensive DNA: “Wir müssen nicht Spanien 2.0 sein”
Nagelsmann kündigte eine taktische Neuausrichtung der Nationalmannschaft an. “Wir müssen nicht Spanien 2.0 sein”, stellte er klar und plädierte für eine Rückbesinnung auf defensive Tugenden. Die Mannschaft solle künftig “defensiver denken” und sich stärker an den Gegebenheiten und Gegnern orientieren.
Diese Philosophie bedeute jedoch keinen Rückfall in destruktiven Fußball: “Das heißt nicht, dass wir nur Bälle nach vorne kloppen und nach dem zweiten Ball rennen – das ist nicht meine DNA”, versicherte Nagelsmann. Vielmehr gehe es darum, “über eine gute defensive Stabilität einen gepflegten Ball zu spielen und nicht umgekehrt”. Er erinnerte daran, dass auch “in den großen Jahren nicht immer zehn Edeltechniker auf dem Acker” gestanden hätten.
Der Bundestrainer reagiert damit auch auf Kritik prominenter Stimmen wie Matthias Sammer, mit dem er nach eigenen Angaben kürzlich telefoniert habe. Die defensive Stabilisierung soll das Fundament für künftige Erfolge bilden – eine Erkenntnis, die durch die Statistik untermauert wird: Im Jahr 2024 kassierte das DFB-Team in 13 Spielen nur neun Gegentore, was einem Schnitt von 0,69 Treffern pro Partie entspricht.
Ter Stegen bleibt Nummer eins – unter Vorbehalt
In der Torwartfrage bekräftigte Nagelsmann sein Vertrauen in Marc-André ter Stegen, knüpfte dies jedoch an klare Bedingungen. “Am Ende ist er unsere Nummer eins, wenn er gesund und im Verein die Nummer eins ist”, formulierte der Bundestrainer seine Position.
Die Situation des 33-jährigen Schlussmanns ist kompliziert: Nach einer erneuten Rückenoperation fällt ter Stegen monatelang aus. Zudem wurde er beim FC Barcelona hinter den Neuzugängen Joan García (24) und Wojciech Szczęsny (35) zur Nummer drei degradiert. Berichten zufolge erwägt der katalanische Klub sogar, sich aus finanziellen Gründen von seinem ehemaligen Kapitän zu trennen.
Nagelsmann zeigte sich dennoch optimistisch: “In meinen Gedanken weiß ich, dass Marc zurückkommt im Dezember, dann die beiden Spiele machen wird im März, im Juni auch, und dann die WM spielen wird.” Der Bundestrainer geht davon aus, dass ter Stegen “im Winter wieder die Nummer eins wird” – womit er einen möglichen Vereinswechsel des Torhüters andeutete.
Eine Rückkehr von Manuel Neuer schloss Nagelsmann kategorisch aus: “Manu hat eine sehr gute Klub-WM gespielt, aber die Entscheidung haben wir ganz bewusst getroffen. Stand jetzt gibt’s die Überlegung nicht.” Für die anstehende WM-Qualifikation gegen die Slowakei, Nordirland und Luxemburg wird Oliver Baumann (TSG Hoffenheim) die Nummer eins sein, gefolgt von Alexander Nübel (VfB Stuttgart).
Klare Kante bei Rüdiger
Deutliche Worte fand Nagelsmann auch zu Antonio Rüdiger. Nach dessen Ausraster im spanischen Pokalfinale, als der Real-Madrid-Verteidiger eine Tape-Rolle auf den Schiedsrichter warf und anschließend eine sechsspieligen Sperre erhielt, zog der Bundestrainer eine “rote Linie”.
“Er weiß, dass er keinen Freifahrtschein hat und keinen zweiten oder dritten Versuch, so etwas zu machen”, stellte Nagelsmann klar. Gleichzeitig würdigte er Rüdigers Bedeutung für das Team: “Er ist einer, der unglaublich leidenschaftlich für die Mannschaft spielt und alles dafür tut, dass wir kein Tor kriegen. Er ist einer, den man sich als Trainer wünscht.”
Die Balance zwischen Temperament und Disziplin sei eine Gratwanderung: “Wie viel nimmst du ihm weg, dass er seiner Vorbildfunktion gerecht wird? Und wie viel lässt du ihm noch, damit er seine Stärken behält?”
Der Weg zur WM 2026
Die deutsche Nationalmannschaft startet am 4. September 2025 in Bratislava gegen die Slowakei in die WM-Qualifikation. Drei Tage später folgt das Heimspiel in Köln gegen Nordirland. Weitere Gegner in der Qualifikationsgruppe sind Luxemburg.
Nagelsmann, dessen Vertrag bis nach der WM 2026 läuft, hält trotz aller Herausforderungen am großen Ziel fest: “Wir wollen Weltmeister werden”, bekräftigte er in Leipzig. “Das ist weder extrovertiert, noch baue ich zu viel Druck auf. Ich habe schon das Gefühl, dass auch jeder Spieler Weltmeister werden will – das heißt aber nicht, dass wir es zwingend werden.”
Mit einer Mischung aus defensiver Stabilität, klaren Personalentscheidungen und dem nötigen Realismus will der Bundestrainer das DFB-Team zurück an die Weltspitze führen. Die Weichen dafür hat er nun gestellt.


