Der Hamburger SV steht vor entscheidenden Wochen in der Vorbereitung auf die erste Bundesliga-Saison seit sieben Jahren. Nach dem emotionalen Aufstieg mit dem 6:1-Sieg gegen den SSV Ulm am 10. Mai 2025 ist die anfängliche Euphorie einer realistischeren Einschätzung gewichen. Die jüngsten Testspiele haben deutliche Schwächen im Spiel des Aufsteigers offenbart.
Trainer Merlin Polzin, dessen Vertrag sich durch den Aufstieg automatisch verlängerte, muss mit seinem Team beweisen, dass die Hamburger den Anforderungen der ersten Liga gewachsen sind. Die verbleibende Vorbereitungszeit wird von zentraler Bedeutung sein, um die notwendigen Anpassungen für einen erfolgreichen Klassenerhalt vorzunehmen.
Ernüchternde Bilanz gegen internationale Topteams
Der HSV wählte seine Testspielgegner bewusst ambitioniert aus und stellte sich ausschließlich hochkarätigen internationalen Mannschaften. Die Strategie sollte das Team optimal auf die Herausforderungen der Bundesliga vorbereiten.
Testspiel-Bilanz der aktuellen Vorbereitung:
- TSV Elstorf: 8:1-Sieg (5. Juli)
- VfB Oldenburg: 2:1-Sieg (6. Juli)
- FC Kopenhagen: 0:1-Niederlage (12. Juli)
- SK Sturm Graz: 1:2-Niederlage (19. Juli)
- Olympique Lyon: 0:4-Niederlage (26. Juli)
Während die ersten beiden Partien gegen unterklassige Gegner noch Erfolge brachten, offenbarten die drei Begegnungen gegen Kopenhagen (dänischer Meister), Sturm Graz (österreichischer Meister) und Olympique Lyon (Ligue-1-Klub) deutliche Defizite.
Das Torverhältnis von 1:7 gegen die drei europäischen Topteams verdeutlicht die aktuellen Schwächen der Mannschaft. Besonders das 0:4 gegen Lyon vor 45.757 Zuschauern im Volksparkstadion wirkte wie ein Weckruf vier Wochen vor dem Bundesliga-Start.
Defensive Abstimmungsprobleme im Fokus
Die größten Probleme zeigten sich in der Defensive, speziell beim Umschaltspiel der Gegner. Die neu formierte Dreierkette unter Polzin weist noch erhebliche Koordinationsschwierigkeiten auf.
Identifizierte Problemfelder:
- Offensive Harmlosigkeit: Wenig Durchschlagskraft im Angriff
- Defensive Instabilität: Abstimmungsprobleme in der Dreierkette
- Umschaltspiel: Überfordert bei schnellen Gegenstößen
- Individuelle Fehler: Unsicherheiten bei Standardsituationen
Neuzugang Jordan Torunarigha, der in der Innenverteidigung spielte, und Aboubaka Soumahoro zeigten beim Lyon-Spiel exemplarische Unsicherheiten. Der von Stuttgart verpflichtete Torunarigha verlängerte unglücklich eine Flanke zum 2:0, während Soumahoro beim dritten Gegentor stolperte.
Polzin hält an seiner Philosophie fest
Trotz der deutlichen Rückschläge bleibt Merlin Polzin gelassen und verfolgt konsequent seine herausfordernde Vorbereitung. “Wir haben uns bewusst entschieden, die Saisonvorbereitung so zu gestalten, dass wir jede Woche sehr starke Gegner vor der Brust haben”, erklärte der 34-jährige Cheftrainer.
Polzins Trainingsphilosophie:
- Bewusste Konfrontation mit starken Gegnern
- Realistische Einschätzung des Bundesliga-Niveaus
- Identifikation der Schwächen vor Saisonbeginn
- Langfristige Entwicklung der Dreierkette
“Deshalb war der heutige Test sehr hilfreich, um zu sehen, an welchen Dingen wir in den nächsten Wochen noch arbeiten wollen und müssen”, betonte Polzin nach der Lyon-Niederlage. Der Trainer sieht die harten Tests als notwendige Lernkurve für seine Mannschaft.
Besonders die Dreierkette soll langfristig Stabilität bringen. Polzin hält trotz der Rückschläge an diesem neuen System fest und bittet um Geduld für den Entwicklungsprozess.
Verstärkungen angekündigt – Kuntz verspricht Neuzugänge
Sportvorstand Stefan Kuntz reagierte auf die offensichtlichen Schwächen und kündigte konkrete Transferaktivitäten an. Laut Kuntz sollen zwei Neuzugänge zeitnah vorgestellt werden.
Geplante Verstärkungsbereiche:
- Rechte Außenbahn: Defensive Verstärkung prioritär
- Abwehrzentrum: Zusätzlicher Innenverteidiger gesucht
- Torwart: Daniel Peretz von Bayern München vor Leihe
Die Transferoffensive soll gezielt die in den Testspielen identifizierten Problemzonen angehen. Daniel Peretz von Bayern München steht unmittelbar vor einem Leihgeschäft zum HSV und würde Torhüter Daniel Heuer Fernandes Konkurrenz machen.
Neuzugänge bereits im Einsatz
Trotz der Niederlagen integriert Polzin kontinuierlich neue Spieler in sein System:
Bereits verpflichtete Neuzugänge:
- Jordan Torunarigha (VfB Stuttgart) – Innenverteidiger
- Nicolai Remberg (SC Paderborn) – Mittelfeld
- Rayan Philippe (1. FC Köln) – Außenbahn
- Yussuf Poulsen (RB Leipzig) – Sturm
Poulsen, Philippe und Torunarigha kamen bereits in den Testspielen zum Einsatz, müssen sich aber noch an das neue Umfeld und Polzins Spielsystem gewöhnen.
Herausforderungen vor dem Bundesliga-Start
Der HSV steht vor der schwierigen Aufgabe, sich als Aufsteiger in der Bundesliga zu etablieren. Das erste Pflichtspiel steht am 16. August im DFB-Pokal gegen den Fünftligisten FK Pirmasens an, gefolgt vom Bundesliga-Auftakt am 24. August bei Borussia Mönchengladbach.
Verbleibende Vorbereitung:
- 9. August: Testspiel bei RCD Mallorca (Trainingslager-Abschluss)
- 16. August: DFB-Pokal 1. Runde vs. FK Pirmasens (A)
- 24. August: Bundesliga-Auftakt vs. Borussia Mönchengladbach (A)
- 29. August: Stadtderby vs. FC St. Pauli (H)
Vom 6. bis 10. August absolviert der HSV noch ein Kurztrainingslager auf Mallorca, um sich den letzten Schliff für die Saison zu holen.
Fazit: Lernkurve mit Warnsignalen
Die Testspiel-Ergebnisse senden gemischte Signale. Während die klaren Siege gegen unterklassige Teams das Potenzial der Mannschaft zeigen, offenbaren die drei Niederlagen gegen europäische Spitzenteams den noch bestehenden Qualitätsunterschied.
Positive Aspekte:
- Torgefährlichkeit gegen schwächere Gegner
- Integration neuer Spieler läuft an
- Realistische Einschätzung des Bundesliga-Niveaus
Warnsignale:
- Defensive Instabilität bei hohem Tempo
- Probleme beim Umschaltspiel
- Koordinationsschwierigkeiten in der Dreierkette
Polzins Ansatz, bewusst starke Gegner zu wählen, erweist sich als zweischneidiges Schwert. Einerseits identifiziert er klar die Schwächen, andererseits könnten die deutlichen Niederlagen das Selbstvertrauen belasten.
Mit den angekündigten Verstärkungen und den verbleibenden Trainingswochen hat der HSV noch Zeit, die größten Defizite zu beheben. Der Klassenerhalt – das erklärte Saisonziel – wird jedoch eine beträchtliche Herausforderung werden, sollten die defensiven Probleme nicht kurzfristig gelöst werden.


