Die neue Zweitliga-Saison begann mit einem Paukenschlag: Zehn Minuten Nachspielzeit beim 5:1-Sieg von Arminia Bielefeld gegen Fortuna Düsseldorf sorgten für Verwunderung bei Spielern, Trainern und Fans. Was viele für eine Ausnahme hielten, ist tatsächlich die neue Normalität im deutschen Profifußball. Die DFB Schiri GmbH hat zur Saison 2025/26 eine grundlegende Reform der Nachspielzeit-Berechnung eingeführt, die das Spiel nachhaltig verändern wird.
Transparenz als oberstes Gebot
“Seit Beginn der Saison 2025/26 wird die Länge der Nachspielzeit stärker an die tatsächlich verloren gegangene Spielzeit angepasst”, erklärt Alex Feuerherdt, Leiter Kommunikation und Medienarbeit der DFB Schiri GmbH, die neue Philosophie. “Dies geschieht nicht zuletzt, um eine transparentere Nachvollziehbarkeit zu erlangen. Zudem wird dadurch die Nettospielzeit erhöht.”
Die Richtlinie orientiert sich am Vorbild der Weltmeisterschaft 2022 in Katar, wo ebenfalls deutlich längere Nachspielzeiten die Regel waren. Das Ziel: Die tatsächlich gespielte Zeit soll erhöht und Zeitspiel konsequent bestraft werden.
So funktioniert die neue Berechnung
Die Erfassung der Nachspielzeit folgt nun einem präzisen System:
- Standardsituationen: Torerzielungen und Auswechselvorgänge werden grundsätzlich pauschal mit 30 Sekunden erfasst
- Echtzeiterfassung: Verletzungsbehandlungen, Unterbrechungen aufgrund äußerer Einflüsse sowie Interventionen des VAR und längere VAR-Checks sind in Echtzeit einzurechnen
- Technische Umsetzung: Die Erfassung übernimmt der Assistent des VAR. Dieser kommuniziert “in jeder Halbzeit nach vorheriger Abstimmung mit dem VAR und einer Plausibilitätsprüfung die Mindestnachspielzeit an den Schiedsrichter”
Erste Auswirkungen bereits sichtbar
Die Zahlen des ersten Spieltags sprechen eine deutliche Sprache: In der 2. Bundesliga wurde in nahezu allen Partien mindestens fünf Minuten nachgespielt, in mehreren Fällen sogar zehn Minuten oder mehr. Die 3. Liga verzeichnete durchschnittlich 6,8 Minuten Nachspielzeit.
Besonders spektakulär verlief die Partie zwischen SC Paderborn und Holstein Kiel: In der 9. Minute der Nachspielzeit erzielte Filip Bilbija den Siegtreffer für die Gastgeber. In Paderborn waren das neun Minuten, und da noch ein Tor erzielt wurde, kam es effektiv zu 10:46 Minuten Nachspielzeit.
Trainer und Funktionäre reagieren irritiert
Die Reaktionen auf die neue Praxis fielen gemischt aus. Bielefelds Trainer Mitch Kniat zeigte sich nach dem 5:1-Erfolg verwundert: “So richtig nachvollziehen konnte das wohl keiner. Ich hoffe, dass wir das noch genauer erklärt bekommen.” Später ergänzte er: “Das hat glaube ich keiner verstanden. Ich habe den Schiedsrichter gefragt und er hat mir gesagt, dass sie es einheitlich lösen wollen.”
Deutlicher wurde Fortunas Sportvorstand Klaus Allofs, der die Schiedsrichterleistung scharf kritisierte: “Am Ende ist es eine schöne Klatsche geworden. Das ist bedauerlich. Bis zur 43. Minute hatten wir alles weitestgehend unter Kontrolle”, analysierte der 68-Jährige die Niederlage seines Teams.
Späte Tore als neue Normalität
Die verlängerten Nachspielzeiten haben bereits am ersten Spieltag zu zahlreichen späten Toren geführt. Saarbrücken und Regensburg erzielten jeweils noch späte Ausgleichstreffer, Wehen Wiesbaden baute die Führung aus. In Bielefeld fiel das entscheidende 5:1 sogar erst in der siebten Minute der Nachspielzeit durch Sam Schreck.
Weitere Neuerungen erhöhen Transparenz
Neben den verlängerten Nachspielzeiten bringt die neue Saison weitere technische Innovationen:
Stadion-Durchsagen bei VAR-Entscheidungen
Künftig werden Schiedsrichter in allen Stadien der Bundesliga und 2. Bundesliga ihre Entscheidungen nach VAR-Überprüfungen per Lautsprecherdurchsage erläutern. In der Bundesliga werden die Schiedsrichter ihre Entscheidungen bereits ab dem 1. Spieltag (22. bis 24. August) erläutern, in der 2. Bundesliga ab dem 9. Spieltag (17 bis 19. Oktober).
RefCam für neue Perspektiven
Die sogenannte RefCam, eine kleine Kamera am Körper des Schiedsrichters, wird künftig häufiger eingesetzt. Der Mitschnitt der Schiedsrichter-Perspektive wird – vorbehaltlich der Zustimmung des zuständigen International Football Association Board (IFAB) – bei ausgewählten Spielen für die Berichterstattung zur Verfügung stehen.
Neue Regelungen bei Torhüter-Zeitspiel
Eine weitere wichtige Änderung betrifft das Zeitspiel der Torhüter: Torhüter dürfen den Ball jetzt acht Sekunden lang mit der Hand oder dem Arm kontrollieren. Dabei muss der Schiedsrichter die letzten fünf Sekunden als Countdown mit der Hand für alle sichtbar anzeigen. Bei Überschreitung gibt es keinen indirekten Freistoß mehr, sondern einen Eckstoß für die gegnerische Mannschaft.
Eine neue Ära beginnt
Die Bundesliga startet am 22. August in die neue Saison – und die Fans sollten sich auf ein verändertes Spielerlebnis einstellen. Die Zeiten, in denen nach 90 Minuten plus zwei oder drei Minuten Nachspielzeit Schluss war, gehören endgültig der Vergangenheit an.
“Dank der neuen Richtlinien können sich die Fans auch für die am 22. August startende Bundesliga-Saison auf viele Treffer in der Nachspielzeit einstellen”, prognostiziert die DFB Schiri GmbH. Spiele werden künftig öfter spät entschieden – und Zuschauer dürfen auch in der 98. Minute noch auf spektakuläre Wendungen hoffen.
Die Reform markiert einen Paradigmenwechsel im deutschen Fußball. Ob sie tatsächlich zu mehr Nettospielzeit und faireren Bedingungen führt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Sicher ist: Der Fußball in Deutschland wird nie mehr derselbe sein.


