Deutsche Eishockey-Frauen bei Olympia 2026: Comeback nach 12 Jahren in Mailand

René Müller
| veröffentlicht am: 05.02.26 (aktualisiert: 05.02.26)
geprüft von Lukas Stratmann | 6 Min. Lesezeit

Nach über einem Jahrzehnt Abstinenz kehren die deutschen Eishockey-Frauen auf die olympische Bühne zurück. Am Donnerstag, den 5. Februar 2026, eröffnet die DEB-Auswahl das Eishockeyturnier der Winterspiele in Mailand – noch vor der offiziellen Eröffnungsfeier. Mit PWHL-Profis, der jüngsten deutschen Olympia-Teilnehmerin und einer selbstbewussten Kapitänin will das Team Geschichte schreiben.


Es ist das erste Eishockeyspiel der Olympischen Winterspiele 2026 überhaupt, und ausgerechnet die deutschen Frauen stehen dabei auf dem Eis. Am Donnerstagmittag um 12:10 Uhr treffen sie in der Milano Rho Ice Hockey Arena auf Schweden – einen Tag bevor die Winterspiele offiziell eröffnet werden. Was für ein symbolischer Moment für ein Team, das zwölf Jahre lang auf diese Rückkehr hingearbeitet hat.

Die letzte olympische Teilnahme der deutschen Eishockey-Frauen datiert aus dem Jahr 2014, als die Mannschaft in Sotschi dabei war. Davor spielte das Team 2006 in Turin und 2002 in Salt Lake City. Jetzt, bei den 25. Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo, ist der DEB erstmals seit 20 Jahren wieder mit Frauen- und Männermannschaft gleichzeitig bei Olympia vertreten – die größte Delegation aller deutschen Olympia-Sportarten.

Eine Mannschaft mit PWHL-Verstärkung und College-Erfahrung

Bundestrainer Jeff MacLeod, der seit 2023 die Frauen-Nationalmannschaft betreut und seinen Vertrag erst im Januar bis 2027 verlängerte, hat einen 23-köpfigen Kader nominiert: drei Torhüterinnen, acht Verteidigerinnen und zwölf Stürmerinnen. Die Mischung ist dabei der Schlüssel.

Drei Spielerinnen kommen direkt aus der nordamerikanischen Professional Women’s Hockey League (PWHL), dem Pendant zur NHL bei den Männern: Torhüterin Sandra Abstreiter von Montréal Victoire, Stürmerin Laura Kluge von den Boston Fleet und Verteidigerin Nina Jobst-Smith von den Vancouver Goldeneyes. Abstreiter war 2024 als beste Torhüterin der Weltmeisterschaft ausgezeichnet worden und gilt als Deutschlands erste Spielerin in der PWHL. Sie steht sinnbildlich für den Aufbruch im deutschen Frauen-Eishockey.

Dazu kommen vier Spielerinnen, die an US-amerikanischen Universitäten aktiv sind – darunter die Zwillingsschwestern Luisa und Lilli Welcke von der Boston University – sowie Emily Nix, die beim schwedischen Traditionsklub Frölunda HC unter Vertrag steht. Insgesamt spielen sieben Kadermitglieder in Nordamerika.

Den größten Mannschaftsblock stellen allerdings die Memmingen Indians, der amtierende Meister der Deutschen Frauen Eishockey Liga (DFEL). Gleich acht Spielerinnen aus dem Kader laufen für den Allgäuer Klub auf.

Jobst-Smith gibt die Richtung vor: “Ich will ins Halbfinale”

Nina Jobst-Smith, nach langer Verletzungspause rechtzeitig zum Turnierstart fit geworden, formuliert die Ambitionen des Teams denkbar offensiv: “Ich will ins Halbfinale. Je höher du dir die Messlatte legst, desto wahrscheinlicher wirst du sie erreichen.” MacLeod hielt der Verteidigerin trotz ihrer Verletzung den Kaderplatz frei – zu wichtig ist ihre Erfahrung auf PWHL-Niveau für die Mannschaft.

 

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Auch der Bundestrainer selbst wagt einen ambitionierten Blick nach vorne: “Für jeden, der teilnimmt, ist es der Traum, eine Medaille zu gewinnen. Wenn wir als Team gut performen, ist das möglich.” Eine Olympia-Medaille wäre eine absolute Premiere für die deutschen Eishockey-Frauen. Die bisherige Bestplatzierung war ein fünfter Rang 2006 in Turin.

Die jüngste deutsche Olympionikin: Mathilda Heine ist erst 16

Mit Mathilda Heine hat MacLeod die jüngste Teilnehmerin des gesamten deutschen Olympia-Teams in seinen Reihen. Die 16-Jährige von den Eisbären Juniors Berlin bekommt vom Bundestrainer trotz ihrer Unerfahrenheit ein starkes Zeugnis ausgestellt: “Sie verfügt über einen hohen Eishockey-IQ und ein gutes Skillset. In den vergangenen zwölf Monaten hat sie viel Zeit investiert, um körperlich stärker, fitter und athletischer zu werden.” Ihre Flexibilität auf verschiedenen Positionen sei ein weiteres großes Plus.

 

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Heine repräsentiert die Zukunft des deutschen Frauen-Eishockeys – ein Sport, der hierzulande strukturell noch immer vor großen Herausforderungen steht. Weil reine Mädchenteams wegen fehlender Sponsoren und Eiszeiten Mangelware sind, spielen die meisten Talente bis zum Alter von 16 Jahren in Jungenmannschaften. Laura Kluge beschreibt die Tiefe des deutschen Kaders ehrlich: “Wir haben fünf, maximal sechs Reihen, die auf Nationalmannschaftsniveau sind. Dann wird es schon dünner.”

Gleißners zweiter Anlauf – mit Glücksbringer aus Omas Gold

Für eine Spielerin im Kader hat das Olympia-Comeback eine ganz besondere Bedeutung: Kapitänin Daria Gleißner. Die 32-Jährige aus Memmingen war bereits 2014 in Sotschi Teil des deutschen Aufgebots, musste aber wegen einer Trainingsverletzung vor dem ersten Spiel abreisen. Seitdem trug sie einen Satz in sich: “Für mich war immer klar: Wir müssen das nochmal schaffen.”

Zwölf Jahre später ist sie wieder da – diesmal mit einem besonderen Glücksbringer um den Hals. Aus dem Gold ihrer Großmutter hat Gleißner eine Kette mit den olympischen Ringen anfertigen lassen, die sie seit der erfolgreichen Qualifikation in Bremerhaven ständig trägt. “Es ist zwischen drei und sieben alles drin”, sagt sie über die mögliche Platzierung. “Wenn wir unser bestes Hockey spielen, bin ich mir sicher, dass wir es auch bei den Olympischen Spielen weit schaffen können.”

Der Weg nach Mailand: Souveräne Qualifikation und knappe Generalprobe

Den Platz bei den Spielen hatte sich die Mannschaft im Februar 2025 beim Qualifikationsturnier in Bremerhaven verdient. Vor heimischem Publikum in der Eisarena besiegte das Team Österreich mit 2:0, die Slowakei sogar mit 6:1 und Ungarn mit 2:1. Das Turnier unterstrich die wachsende Stärke des Teams unter MacLeod, der seine Mannschaft offensiver und mutiger spielen lässt als seine Vorgänger.

Die Olympia-Generalprobe Ende Januar in Peiting gegen Japan endete allerdings mit einer knappen 2:3-Niederlage nach Verlängerung, wobei die drei PWHL-Profis noch nicht zum Einsatz kamen. Jule Schiefer und Celina Haider trafen für das deutsche Team vor 2.308 Zuschauern. Die Partie lieferte wichtige Erkenntnisse – und Japan ist am 7. Februar der zweite Gruppengegner.

Die Gruppenphase: Schweden als härtester Prüfstein

In der Gruppe B trifft Deutschland neben Schweden noch auf Japan (7. Februar, 12:10 Uhr), Frankreich (9. Februar, 16:40 Uhr) und Gastgeber Italien (10. Februar, 16:40 Uhr). Die Schwedinnen, Weltranglisten-Sechste und 2002 bzw. 2006 olympische Medaillengewinnerinnen, gelten als stärkster Gegner. Deutschland liegt auf Rang acht der Weltrangliste – nur zwei Plätze dahinter.

Von den zehn teilnehmenden Nationen qualifizieren sich acht für das Viertelfinale. Alle fünf Teams der Gruppe A – darunter die Top-Favoritinnen USA und Kanada – sind automatisch dabei. Aus der Gruppe B schaffen es die besten drei Mannschaften weiter. Torhüterin Abstreiter ordnet die Lage ein: “Das wird ein super wichtiges Spiel beim Kampf um Platz eins. Die vorherigen Turniere haben gezeigt, dass es oft zwischen uns und den Schwedinnen ausgespielt wurde.”

USA und Kanada: Die ewige Dominanz

An der Spitze des Frauen-Eishockeys hat sich seit dem ersten olympischen Turnier 1998 in Nagano wenig verändert. Gold ging stets an Kanada oder die USA. Fünf Mal triumphierten die Kanadierinnen, zwei Mal die Amerikanerinnen. Bis auf das Turnier 2006 lautete das Finale immer Kanada gegen die USA. Alles andere als dieses Duell wäre auch 2026 eine Überraschung.

Doch dahinter könnte Platz sein für eine andere Sensation – eine in Schwarz-Rot-Gold.

Olympia als Chance für den strukturellen Wandel

Die Bedeutung dieser Olympia-Teilnahme geht weit über das Sportliche hinaus. “Es ist unglaublich wichtig, dass wir dabei sind. Es zeigt den Leuten, dass wir Schritte nach vorne gemacht haben”, sagt Abstreiter. Verteidigerin Ronja Hark will die Bühne nutzen, “um mehr Zuschauer zu generieren und mehr Leute fürs Fraueneishockey zu begeistern”.

DEB-Sportdirektor Christian Künast hatte bei der Qualifikation erklärt, Eishockey sei nach wie vor eine “Männerdomäne, aber das ist es ja eigentlich nicht. Ich würde mir wünschen, dass sich diese Wahrnehmung etwas verändert.” Die olympische Bühne in Mailand bietet die beste Gelegenheit dafür.

Unter MacLeod hat sich vieles professionalisiert. Die ehemalige Nationalspielerin Ronja Jenike, heute im Verband für die Frauen zuständig und als ZDF-Expertin in Mailand vor Ort, bestätigt: “Alles ist viel professioneller geworden.” Die Qualifikation für Olympia soll auch weitere Fördermittel freisetzen und dem Nachwuchs neue Perspektiven eröffnen.

Am Donnerstagmittag um 12:10 Uhr geht es los. Zwölf Jahre Warten haben ein Ende. Und wenn man Daria Gleißner und ihren Mitspielerinnen zuhört, dann fahren sie nicht nur zum Zuschauen nach Mailand.will das Team ins Halbfinale. Alle Infos zu Kader, Gruppenphase und Chancen.

René Müller - Wettanalyst & Senior Editor |
René Müller René Müller ist Diplom-Betriebswirt mit Schwerpunkt Finanzdienstleistungen und Statistik sowie TÜV-zertifizierter Compliance-Beauftragter. Mit über 15 Jahren Branchenerfahrung – darunter als Quotenanalyst in Malta und Fachredakteur für internationale Sportmagazine – zählt er zu den führenden deutschen Experten für Sportwetten-Analytik und iGaming-Compliance. Seit 2020 berät er als unabhängiger Analyst zu GGL-Regulierungen, LUGAS-Integration und datenbasierten Wett-Analysen.