Der Cheftrainer des 1. FC Kaiserslautern spricht im Podcast Leadertalk über sein Verständnis von Leadership, die Lehrmeister seiner Karriere und warum emotionale Nähe im Profifußball gleichzeitig Antrieb und Risiko sein kann.
Torsten Lieberknecht gehört zu den Trainerpersönlichkeiten im deutschen Profifußball, deren Karriere sich nicht in Titeln oder einzelnen Ergebnissen zusammenfassen lässt. Es ist eine Geschichte der Identifikation, der Aufstiege gegen die Wahrscheinlichkeit und der tiefen Verbundenheit mit den Vereinen, für die er gearbeitet hat. Im SPORT1-Podcast Leadertalk, moderiert von Business-Coach und Autor Mounir Zitouni, gibt der 52-Jährige einen seltenen Einblick in die Fragen hinter dem Trainerberuf: Was bedeutet Führung jenseits taktischer Systeme? Wie geht man mit der Abnutzung um, die dieses Geschäft unweigerlich mit sich bringt? Und was passiert, wenn der Verein, den man trainiert, gleichzeitig der eigene Herzensverein ist?
Ein Pfälzer kehrt heim auf den Betzenberg
Lieberknechts Geschichte mit dem 1. FC Kaiserslautern beginnt nicht erst seit seiner Ernennung zum Cheftrainer im April 2025. Sie reicht zurück in die Jugendabteilung der Roten Teufel, wo er ab 1990 spielte und 1992 den deutschen A-Jugend-Meistertitel gewann. Anschließend erhielt er einen Profivertrag für die Bundesliga-Mannschaft. In der Saison 1993/94 wurde er mit dem FCK deutscher Vizemeister, ehe seine aktive Laufbahn ihn über Waldhof Mannheim, den 1. FSV Mainz 05, den 1. FC Saarbrücken und schließlich zu Eintracht Braunschweig führte.
Als der FCK sich im Aufstiegsrennen der Saison 2024/25 nach einer Serie von Niederlagen von Trainer Markus Anfang trennte, wurde Lieberknecht als dessen Nachfolger vorgestellt. Vier Spieltage vor Saisonende übernahm er den Posten und leitete bereits am nächsten Tag das Training am Betzenberg. Die Saison 2024/25 beendete der Klub auf Platz sieben der 2. Bundesliga, der Aufstieg wurde verpasst. Doch Lieberknecht blieb und ging mit dem Verein in die neue Spielzeit 2025/26.
Im Podcast beschreibt er die Rückkehr nach Kaiserslautern nicht als beruflichen Schritt, sondern als innere Konstante. Er sei dort in den Profibereich gekommen, und es sei schon immer der Heimat- und Herzensverein der Familie Lieberknecht gewesen. Als Pfälzer, so sagt er, habe es für ihn nie eine Alternative gegeben.
Die Wucht eines Traditionsvereins
Was den FCK von anderen Zweitligisten unterscheidet, ist die emotionale Fallhöhe. Lieberknecht beschreibt die Bedeutung des Vereins für die gesamte Region fast körperlich: Wenn man leidenschaftlich sei, baue man Wurzeln auf, die man an andere Orte mitnehme, die aber immer wieder zurückziehen würden.
Bei der 125-Jahr-Feier des FCK im Sommer 2025, als unter anderem die AS Rom zum Jubiläumsspiel auf dem Betzenberg gastierte, sei ihm die Wucht dieses Klubs besonders greifbar geworden. Die Menschen reisten nicht nur aus Kaiserslautern an, sondern aus vielen Regionen Deutschlands und Europas. Teil dieser Geschichte zu sein, nennt Lieberknecht ein hohes Privileg, wissend, dass genau diese emotionale Tiefe den Anspruch an sich selbst erhöht.
Diese Bindung hat auch eine Kehrseite, die Lieberknecht im Gespräch nicht verschweigt. Wer so viel Nähe zulasse, mache sich verwundbar. Doch genau diese Nähe bleibe sein Motor. Er ziehe Energie aus direkten Gesprächen mit Fans und dem Verein nahestehenden Menschen. In diesen Momenten spüre er, welche Bedeutung der Klub habe, und manchmal sei der Trainer eben das wichtigste Sprachrohr einer Stadt.
Trainer als Gast: Lieberknechts Führungsphilosophie
Lieberknechts zentrales Bild für Führung ist überraschend demütig. Als Trainer wie als Spieler sei man immer nur Gast in einem Verein, und das für eine bestimmte Zeit. In dieser Phase wolle er seinem Gastgeber ein guter Gast sein und die Anforderungen erfüllen, die vertraglich und menschlich gestellt werden.
Dieses Verständnis speist sich aus seiner Herkunft. In seiner Familie habe Gemeinschaft immer Vorrang gehabt. Neben den individuellen Bedürfnissen stehe das Team im Vordergrund. Bodenständigkeit bedeute, das eigene Tun einzuordnen und zu wissen, dass es Menschen gebe, die wichtigere Verantwortung tragen. Ein Besuch auf einer Geburtsstation habe ihn darin besonders geprägt.
Im Stadion differenziert Lieberknecht nicht nach sozialem Status. Da sitze der Banker neben demjenigen, der sich eine Karte abstottere. Führung bedeute, all diese Menschen auf Augenhöhe wahrzunehmen. Diese Haltung beschreibt er mit dem Begriff der gelassenen Konsequenz: Konsequenz sei für ihn nicht Härte, sondern Klarheit, auch sich selbst gegenüber. Konsequent seinen Weg zu verlassen, wenn man sich auf dem Holzweg befinde, gehöre dazu.
Abnutzung als Berufsrisiko und die Kunst der Selbstführung
Über ein Thema, das im Profifußball selten offen angesprochen wird, redet Lieberknecht mit ungewöhnlicher Klarheit: die Abnutzung im Trainerberuf. Wer dieses Wort nicht zulasse, könne auch nicht lange in einem Verein arbeiten. Sich immer wieder selbst zu hinterfragen, offen zu bleiben und nicht nur den eigenen Weg für richtig zu halten, sei essenziell.
Diese Haltung ist bei Lieberknecht keine Floskel. In Braunschweig war er zehn Jahre lang Cheftrainer, ein im modernen Profifußball nahezu beispielloser Zeitraum. Bei Darmstadt 98 traf er nach dem Abstieg aus der Bundesliga und einem schwachen Saisonstart die Entscheidung, freiwillig zurückzutreten, eine im Fußballgeschäft ungewöhnliche Geste der Selbstreflexion. Er habe gemerkt, dass ein neuer Impuls besser für den Verein sei, erklärte er damals.
Gegen die Abnutzung helfe ein bewusster Umgang mit Kommunikation. Nicht alles müsse gesagt werden: Schweigen sei manchmal eine sehr gute Kommunikation. Präsenz bedeute nicht Dauererklärung, sondern Dosierung.
Auch in der Verarbeitung von Niederlagen hat Lieberknecht eine Entwicklung durchlaufen. Früher hätten ihn schlechte Ergebnisse lange begleitet, heute nicht mehr. Analyse sei für ihn kein rein technisches Instrument, sondern ein Mittel zur Selbstregulation, um Abstand zu gewinnen, Verantwortung zu übernehmen und wieder handlungsfähig zu werden. Entscheidend sei, mit der Selbstkritik bei sich selbst anzufangen. Erst wer eigene Fehler eingestehe, schaffe eine echte Fehlerkultur in der Mannschaft.
Die Lehrmeister: Feldkamp, Stielike und der Revolutionär Wolfgang Frank
Lieberknecht benennt die prägenden Figuren seiner Karriere nicht als Vorbilder im klassischen Sinn, sondern als Wegmarken seiner Entwicklung. Seinen A-Jugendtrainer beim FCK, Ernst Diehl, hebt er für die Vermittlung von Werten und Teamdenken hervor. Karl-Heinz Feldkamp, der den FCK 1991 zur deutschen Meisterschaft geführt hatte, beschreibt er als gelassene, konsequente Person mit großer Ausstrahlung. Uli Stielike, unter dem er in der Saison 1994/95 bei Waldhof Mannheim spielte, würdigt er als fachlich extrem präzise.
Die stärkste Prägung erfuhr er jedoch durch Wolfgang Frank, der zwischen 1995 und 2000 in zwei Phasen den 1. FSV Mainz 05 trainierte. Frank gilt als einer der wichtigsten taktischen Innovatoren des deutschen Fußballs. Mitte der 1990er Jahre führte er als einer der Ersten in Deutschland die Raumdeckung mit Viererkette ein, inspiriert von Arrigo Sacchis Spielphilosophie beim AC Mailand. Aus dem Tabellenletzten der 2. Bundesliga formte er die beste Rückrundenmannschaft der Liga, ein revolutionärer Ansatz, der eine ganze Trainergeneration beeinflusste.
Jürgen Klopp, der unter Frank als Spieler bei Mainz 05 aktiv war, bezeichnete dessen Trainingsmethoden später als Offenbarung und baute seine eigene Karriere auf den Grundprinzipien Franks auf. Auch Sandro Schwarz, Jürgen Kramny und Rüdiger Rehm gehörten zu Franks Schülern, die selbst den Trainerberuf einschlugen. Frank verstarb am 7. September 2013 mit nur 62 Jahren in Mainz an einem Hirntumor. Das Nachwuchsleistungszentrum von Mainz 05 trägt seit 2021 seinen Namen: Wolfgang Frank Campus am Bruchweg.
Lieberknecht beschreibt Frank im Leadertalk als jemanden, der alles vereint habe, was für ihn einen perfekten Trainer ausmache: Fachlichkeit, Mannschaftsführung und eine hoch leidenschaftliche Emotionalität. Diese Kombination habe er bei keinem anderen Trainer in dieser Intensität erlebt.
Eine Trainerkarriere der besonderen Art
Was Lieberknechts Laufbahn von vielen Trainerkollegen unterscheidet, ist die Fähigkeit, aus bescheidenen Mitteln Außergewöhnliches zu formen. Bei Eintracht Braunschweig übernahm er 2008 die Profimannschaft in der 3. Liga. Drei Jahre später gelang der Aufstieg in die 2. Bundesliga, 2013 kehrte die Eintracht nach 28 Jahren in die Bundesliga zurück, ein Erfolg, den dem Verein mit seinem begrenzten Budget kaum jemand zugetraut hatte. Nach dem direkten Wiederabstieg hielt der Verein an ihm fest. 2017 verpasste Braunschweig den erneuten Aufstieg nur knapp in der Relegation gegen den VfL Wolfsburg.
Bei Darmstadt 98 wiederholte sich das Muster. Lieberknecht übernahm 2021 die Lilien und führte sie 2023 in die Bundesliga, der zweite Aufstieg ins Oberhaus unter seiner Regie mit einer Mannschaft, die nicht zu den natürlichen Aufstiegskandidaten zählte. In seinen ersten beiden Spielzeiten holte Darmstadt unter seiner Führung zusammen 127 Punkte.
Dazwischen lag das Engagement beim MSV Duisburg, das weniger erfolgreich verlief. Lieberknecht stieg mit dem MSV in die 3. Liga ab, verpasste anschließend den Wiederaufstieg knapp und wurde nach einem schwachen Saisonstart 2020 entlassen. Auch diese Erfahrung gehört zu seinem Entwicklungsweg. Dellen, wie er sie selbst nennt, sind für ihn Teil einer Trainerkarriere, die nur dann erfolgreich ist, wenn man aus ihnen die richtigen Maßnahmen ableitet.
Was bleibt, wenn ein Trainer geht
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Lieberknecht misst Erfolg nicht ausschließlich an Tabellenplätzen. Im Leadertalk zitiert er einen Gedanken, den er Jürgen Klopp zuschreibt: dass es viel wichtiger sei, was die Leute über einen denken, wenn man geht. Bei der Art und Weise, wie Lieberknecht seine Trainerstationen verlassen hat, sei es der respektvolle Abschied aus Braunschweig nach einem Jahrzehnt, der sauber vollzogene Rücktritt in Darmstadt oder die Rückkehr nach Kaiserslautern, zeigt sich diese Haltung in der Praxis.
In Darmstadt hinterließ er seinem Nachfolger Florian Kohfeldt sogar eine persönliche Nachricht im Trainerbüro, ein Detail, das verdeutlicht, wie Lieberknecht Übergänge versteht: nicht als Bruch, sondern als Teil einer größeren Geschichte.
Für den 1. FC Kaiserslautern und seine Fans bleibt die Hoffnung, dass Lieberknechts besondere Verbindung zu diesem Verein auch sportlich Früchte tragen wird. In der laufenden Saison 2025/26 kämpfen die Roten Teufel in der 2. Bundesliga weiter um den Anschluss an die Aufstiegsplätze. Der Rückrundenstart verlief durchwachsen, zuletzt setzte es eine 1:3-Heimniederlage gegen die SV Elversberg. Doch wenn einer weiß, wie man aus schwierigen Phasen Kraft schöpft, dann Torsten Lieberknecht.


