Nach monatelangem Ringen hat Dayot Upamecano dem FC Bayern seine Zusage erteilt. Doch der zähe Verhandlungsverlauf sorgt für heftige Kritik von allen Seiten – und wirft ein Schlaglicht auf die Machtfülle von Spielerberatern im Profifußball.
Der wochenlange Vertragspoker um Dayot Upamecano beim FC Bayern München hat ein Ende gefunden – allerdings nicht ohne tiefe Spuren zu hinterlassen. Am Montagabend, dem Deadline Day des Winter-Transferfensters, gab der 27-jährige französische Nationalspieler schließlich seine finale Zusage für eine Vertragsverlängerung bis 2030. Die Unterschrift soll noch in dieser Woche erfolgen. Was nach einer erlösenden Nachricht klingt, hat in der Fußballwelt eine hitzige Debatte ausgelöst: Über die Grenzen des Verhandelbaren, die Rolle von Spielerberatern und die Frage, ob sich der deutsche Rekordmeister bei diesem Deal zu viel gefallen ließ.
Ein ungewöhnlicher Ablauf mit dramatischem Höhepunkt
Der Weg zur Einigung war alles andere als geradlinig. Seit Monaten lag Upamecano ein Angebot des FC Bayern vor, das mehrfach nachgebessert wurde. Sein aktueller Vertrag läuft im Sommer 2026 aus, sodass er den Verein ablösefrei hätte verlassen können – eine Drohkulisse, die den Verhandlungen zusätzliche Brisanz verlieh. Namhafte Klubs wie Paris Saint-Germain und Real Madrid sollen Interesse signalisiert haben.
Der eigentliche Hauptstreitpunkt war nicht das Gehalt, sondern die Ausgestaltung des Handgeldes: Während die Beraterseite auf eine Einmalzahlung in Höhe von rund 20 Millionen Euro drängte, bestand der FC Bayern auf einer Streckung über die gesamte Vertragslaufzeit. Der Hintergrund dieser Haltung war strategisch: Da sich Upamecano im neuen Vertrag eine Ausstiegsklausel über 65 Millionen Euro sicherte, die bereits ab Sommer 2027 greifen kann, hätte eine sofortige Handgeld-Zahlung den Verein bei einem frühen Abgang finanziell erheblich belastet.
Am Deadline Day eskalierte die Situation dann endgültig. In einer konzertierten Aktion von Ehrenpräsident Uli Hoeneß, Vorstandschef Jan-Christian Dreesen, Sportvorstand Max Eberl und Sportdirektor Christoph Freund fiel der Entschluss, das vorliegende Angebot schriftlich zurückzuziehen. Erst nach diesem entschiedenen Signal meldete sich Upamecano persönlich bei den Verantwortlichen und erklärte seine Bereitschaft zur Verlängerung.
Die Eckdaten des neuen Vertrags
- Laufzeit: Bis 2030
- Jahresgehalt: Rund 20 Millionen Euro (zuvor ca. 10 Mio. Euro)
- Handgeld: Rund 20 Millionen Euro (aufgeteilt über die Vertragslaufzeit)
- Ausstiegsklausel: Ca. 65 Millionen Euro, aktivierbar ab Sommer 2027
- Marktwert: 70 Millionen Euro (laut Transfermarkt)
Hoeneß macht seinem Ärger öffentlich Luft
Bereits vor der Einigung hatte Ehrenpräsident Uli Hoeneß die Berater des Franzosen scharf attackiert. Im Interview mit dem kicker ließ der 74-Jährige keine Zweifel an seiner Einschätzung: Er wisse, dass Upamecano und seine Familie sich in München sehr wohlfühlen würden. Er fürchte jedoch, dass dessen Berater alles tun würden, um ihn aus München wegzulotsen. Dieses Verhalten empfinde er als entsetzend, so Hoeneß.
Die öffentliche Attacke des Vereinspatrons war offenbar Teil einer bewussten Strategie. An der Säbener Straße ist man überzeugt, dass gerade die deutlichen Worte von Hoeneß und Eberl – der zuletzt zügig eine Entscheidung eingefordert hatte – den Spieler dazu gebracht haben, sich von der Haltung seiner Berater zu lösen und eigenständig die Initiative zu ergreifen. Der direkte Draht zum Spieler erwies sich als entscheidend.
Bruchhagen: “Dieses Theater hätte es bei mir nicht gegeben”
Mit Ex-Bundesliga-Funktionär Heribert Bruchhagen meldete sich ein weiterer prominenter Kritiker zu Wort. Der 77-Jährige, einst Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt und dem Hamburger SV sowie ehemaliger DFL-Geschäftsführer, stellte bei Sky Sport unmissverständlich klar, dass er bei solch einem Theater die Geduld verloren und den Spieler zum Gehen aufgefordert hätte.
Bruchhagen verwies auf seine eigene Philosophie: Bei ihm habe es kein Nachverhandeln gegeben. Ein Hin und Her wie im Fall Upamecano wäre bei ihm undenkbar gewesen. Nachverhandeln hätte bei ihm sogar bedeutet, ein verschlechtertes Angebot zu unterbreiten. Wenn man diese Linie konsequent beibehalte, nutze man seinem eigenen Verein, und die Spieler würden sich darauf einstellen, so Bruchhagen. Für ihn sei es außerdem unverständlich, warum ein Spieler einen Topverein wie den FC Bayern verlassen wolle.
Hamann spricht von einem “Armutszeugnis”
Noch schärfer fiel die Analyse von Sky-Experte Didi Hamann aus. Der ehemalige Nationalspieler bezeichnete den Ablauf als Armutszeugnis für den FC Bayern. Sein Kernargument: Wenn die Bayern ihr Angebot tatsächlich zurückgezogen hätten und Upamecano es anschließend trotzdem annehmen konnte, dann seien die Münchner von den Beratern am Nasenring durch die Manege geführt worden. Der FC Bayern sei bei diesen Verhandlungen lediglich Beifahrer gewesen, kritisierte Hamann.
An der Säbener Straße sieht man das naturgemäß anders. Dort wird die Auffassung vertreten, dass die öffentliche Druckkulisse den entscheidenden Wendepunkt herbeigeführt habe – und Upamecano sich letztlich emanzipiert und eigenständig für den Verein entschieden habe.
Sammer fordert Abschaffung der Spielerberater
Am weitesten ging Matthias Sammer. Der frühere Bayern-Sportvorstand und heutige TV-Experte stellte im Sky-Talk “Sammer & Basile – Der Hagedorn Talk” das gesamte Beraterwesen infrage. Auf die Frage, ob Spieler ohne Berater auskommen sollten, antwortete er unmissverständlich: Er würde sie abschaffen. Sie verdienten erstens zu viel Geld, seien zweitens unnötig und schafften drittens keine Konstellation, die gut sei zwischen Spieler und Verein.
Sammer schilderte dabei ein Szenario, das im Profifußball längst Alltag ist: An einem Verhandlungstisch säßen Sportvorstand und Sportdirektor mit einem Berater zusammen – und sprächen über die wichtigste Person, die möglicherweise gar nicht dabei sei. Gemeint ist der Spieler selbst, der bei solchen Gesprächen häufig nicht anwesend ist. Besonders absurd findet Sammer die finanzielle Dimension: Derjenige, der die Verhandlung führt, verdiene oft das Dreifache des Jahresgehalts des Sportvorstands, der ihm gegenübersitzt. Sammers Urteil: “Das ist doch schon mal krank.”
Upamecano als Leistungsträger unter Kompany unverzichtbar
Jenseits aller Verhandlungsdramatik bleibt die sportliche Realität: Dayot Upamecano ist unter Trainer Vincent Kompany zum Eckpfeiler der Bayern-Defensive geworden. Seit dem Amtsantritt des Belgiers im Sommer 2024 hat der Franzose eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Kompany, selbst ein ehemaliger Weltklasse-Innenverteidiger, formte Upamecano zu einem der konstantesten Abwehrspieler der Bundesliga.
In der laufenden Saison kam Upamecano wettbewerbsübergreifend auf 26 Einsätze und zählt zu den unangefochtenen Stammspielern. Kompany lobte seine Entwicklung zuletzt ausdrücklich: Upamecano sei für ihn immer ein Führungsspieler gewesen und werde es zunehmend mehr. Am Ball habe er in den letzten 18 Monaten die beste Entwicklung gezeigt. Upamecano habe das Potenzial, einer der besten Verteidiger der Welt zu werden, so der Coach.
Auch Mitspieler unterstrichen den Stellenwert des Franzosen. Jonathan Tah erklärte, Upamecano könne alles und decke so ziemlich alles ab, was von einem modernen Verteidiger gefordert werde. Besonders profitiert Upamecano offenbar von Kompanys spezieller Betreuungsmethode: Jedem Spieler im Bayern-Kader ist ein Mitglied des Trainerteams persönlich zugeordnet, das individuelles Feedback gibt – eine Praxis, die es unter den Vorgängern Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann so nicht gab.
Planungssicherheit erkauft – aber zu welchem Preis?
Mit der Verlängerung hat sich der FC Bayern die Dienste eines der besten Innenverteidiger Europas langfristig gesichert und den drohenden ablösefreien Abgang im Sommer verhindert. Der Preis dafür ist allerdings beträchtlich: Upamecano steigt mit rund 20 Millionen Euro Jahresgehalt zu einem der Topverdiener im Bayern-Kader auf, hinzu kommen 20 Millionen Euro Handgeld. Sein Salär hat sich damit im Vergleich zum bisherigen Vertrag in etwa verdoppelt.
Zudem birgt die Ausstiegsklausel über 65 Millionen Euro ab 2027 ein Risiko: Sollte ein europäischer Topklub diese Summe auf den Tisch legen, hätten die Bayern keine Handhabe. Angesichts eines aktuellen Marktwerts von 70 Millionen Euro wäre ein solcher Transfer durchaus realistisch – und der Verein hätte trotz der massiven Investition nur begrenzt profitiert. Die Debatte über die Angemessenheit dieser Konditionen dürfte die Bayern noch eine Weile begleiten – nicht zuletzt im Hinblick auf die bevorstehenden Vertragsgespräche mit weiteren Leistungsträgern wie Michael Olise oder Konrad Laimer.
Ein Warnsignal für die Branche
Der Fall Upamecano ist mehr als eine Vereinsangelegenheit. Er steht symptomatisch für ein Machtgefüge im Profifußball, das sich zunehmend zugunsten der Spielerberater verschoben hat. Die Liste prominenter Fälle, in denen Berater Verhandlungen blockierten oder Spieler gegen den Willen ihrer Vereine lotsten, wird immer länger. Auch Upamecanos Berater Moussa Sissoko ist in dieser Hinsicht kein unbeschriebenes Blatt – er war bereits in den umstrittenen Transfer von Ousmane Dembélé vom BVB zum FC Barcelona 2017 involviert.
Die Diskussion über eine stärkere Regulierung des Beraterwesens ist nicht neu, erhält durch den jüngsten Poker um Upamecano aber neue Nahrung. Ob die Forderungen von Sammer und Co. gehört werden, bleibt abzuwarten. Fest steht: Mit seiner Vertragsverlängerung hat der FC Bayern ein klares sportliches Signal gesendet. Die Art und Weise, wie dieses Ergebnis zustande kam, hat den Verein jedoch eine Menge Nerven und öffentliches Ansehen gekostet.



