Thomas Müller über WM 2026: DFB-Team mit Musiala und Wirtz “noch nicht richtig titelreif

Natalia Schubert
| veröffentlicht am: 30.01.26 (aktualisiert: 30.01.26)
geprüft von Lukas Stratmann | 3 Min. Lesezeit

Der Weltmeister von 2014 äußert sich kritisch zu den Chancen der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2026 und sieht trotz herausragender Einzelspieler ein grundlegendes Problem im DFB-Team.

Ein Veteran mit klaren Worten

Thomas Müller kennt das Gefühl, einen WM-Pokal in den Händen zu halten. 2014 in Brasilien erlebte der heute 36-Jährige den größten Triumph seiner Karriere mit der deutschen Nationalmannschaft. Nun, zwölf Jahre später, bewertet er die Aussichten des aktuellen DFB-Teams vor dem Turnier in den USA, Mexiko und Kanada mit bemerkenswerter Zurückhaltung.

In einem ausführlichen Interview mit Sky äußerte der ehemalige Bayern-Star deutliche Zweifel an der Titelreife der Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann. Zwar erkenne er enormes Potenzial in den Reihen der deutschen Auswahl, doch ein entscheidender Faktor fehle ihm noch.

Musiala, Wirtz und Woltemade: Talentiert, aber noch nicht am Ziel

Die offensive Qualität der deutschen Nationalmannschaft steht außer Frage. Spieler wie Jamal Musiala, Florian Wirtz und Nick Woltemade gehören zu den aufregendsten Talenten im europäischen Fußball. Müller lobte ihre Fähigkeiten ausdrücklich, setzte jedoch einen deutlichen Vorbehalt dahinter.

Diese Generation junger Spieler beeindrucke zwar mit genialen Aktionen, doch für einen WM-Titel brauche es mehr als individuelle Brillanz. Es fehle jene Reife und Abgeklärtheit, die ein Team bei einem Turnier dieser Größenordnung über sieben K.o.-Runden tragen könne. Das Potenzial sei zweifellos vorhanden – die Konstanz auf dem erforderlichen Niveau dagegen noch nicht.

Das Kernproblem: Fehlende Stabilität

Müllers Analyse geht tiefer als die bloße Betrachtung einzelner Akteure. Er identifiziert ein strukturelles Problem, das die DFB-Elf seit mehreren Jahren begleitet: Die Mannschaft könne jeden Gegner schlagen, aber ebenso gegen jeden verlieren.

Diese Unberechenbarkeit sei das Gegenteil dessen, was Turniermannschaften auszeichne. Als Positivbeispiele innerhalb des deutschen Kaders nannte Müller Joshua Kimmich und Antonio Rüdiger – Spieler, die seit Jahren bei internationalen Topklubs prägende Figuren seien und damit die nötige Erfahrung und Konstanz mitbrächten.

Müllers Vision für nachhaltigen Erfolg

Die deutsche Fußball-Nation hoffe darauf, dass diese Stabilität einkehre, erklärte Müller. Der Übergang von reinen Potenzialspielern zu Akteuren, die unter höchstem Druck verlässlich Leistung abriefen, sei der entscheidende Entwicklungsschritt. Ohne diese Transformation bleibe Deutschland zwar ein Team mit außergewöhnlichen Möglichkeiten, aber eben auch mit ebenso großen Risiken.

Die jüngste WM-Geschichte untermauert Müllers Skepsis. 2018 in Russland und 2022 in Katar scheiterte die DFB-Elf jeweils bereits in der Gruppenphase – schmerzhafte Niederlagen, die das Vertrauen in die Turnierfähigkeit der Mannschaft erschütterten.

Die WM-Gruppe: Pflicht mit Tücken

Bei der Auslosung in Washington erhielt Deutschland mit Curacao, der Elfenbeinküste und Ecuador durchaus lösbare Aufgaben. Die Gruppenphase führt das Nagelsmann-Team am 14. Juni nach Houston gegen WM-Debütant Curacao, am 20. Juni nach Toronto gegen den amtierenden Afrika-Meister Elfenbeinküste und am 25. Juni nach New Jersey gegen Ecuador.

Müller selbst bezeichnete das Weiterkommen als Pflicht. Curacao sei zwar ein unbeschriebenes Blatt, doch mit der Elfenbeinküste warte der Kontinentalmeister Afrikas, und Ecuador habe sich als Zweiter hinter Argentinien qualifiziert. Die vermeintlich machbare Gruppe berge durchaus Fallstricke.

Bundestrainer Nagelsmann warnte entsprechend davor, die Gegner zu unterschätzen. Die Erfahrungen der vergangenen Turniere hätten gelehrt, dass jeder Qualifikant seine Berechtigung habe.

Müllers neues Leben zwischen MLS und TV-Expertise

Nach 756 Pflichtspielen für den FC Bayern München wagte Müller im August 2025 den Schritt über den Atlantik. Bei den Vancouver Whitecaps erlebte er eine beeindruckende erste Saison mit neun Toren in dreizehn Spielen. Das MLS-Finale gegen Lionel Messis Inter Miami ging zwar verloren, doch der Kanadische Pokal wanderte in die Trophäensammlung.

Während der WM wird Müller als Experte für MagentaTV fungieren und das Turnier analytisch begleiten. Seine Perspektive als jüngster deutscher Weltmeister und erfahrener Kenner des internationalen Fußballs dürfte die Berichterstattung bereichern.

Karriereende im Doppelpack mit Neuer?

Auf die Frage nach seinem Karriereende reagierte Müller mit charakteristischem Humor. Das Rennen mit seinem langjährigen Weggefährten Manuel Neuer sei offen. Die besondere Konstellation der MLS-Spielplanumstellung nach 2026 könnte sogar dazu führen, dass beide Weltmeister von 2014 gemeinsam ihre Karrieren beenden – ein symbolträchtiger Abschluss zweier Ären, die den deutschen Fußball über mehr als ein Jahrzehnt geprägt haben.

Ein realistischer Blick nach vorne

Müllers Einschätzung ist keine destruktive Kritik, sondern eine nüchterne Analyse aus berufenem Mund. Er weiß, was es braucht, um Weltmeister zu werden. Die aktuelle deutsche Mannschaft verfüge über das Rüstzeug für große Erfolge – ob sie dieses Potenzial bei der WM 2026 ausschöpfen kann, bleibt abzuwarten.

Die Warnung des erfahrenen Weltmeisters sollte als Ansporn verstanden werden: Talent allein reicht nicht. Erst wenn aus brillanten Einzelkönnen eine stabile Einheit wächst, kann Deutschland wieder ernsthaft um den Titel mitspielen.

Natalia Schubert - Fußballanalystin & Sportjournalistin |
Natalia Schubert Natalia Schubert ist Fußballanalystin und seit über zwölf Jahren im professionellen Sportjournalismus tätig. Sie analysiert nationale und internationale Wettbewerbe mit Schwerpunkt auf taktischen Zusammenhängen, statistischen Auswertungen und der Einordnung sportlicher Leistungen.

In dieser Zeit schrieb sie für verschiedene renommierte Sportmagazine und Online-Redaktionen, für die sie Spielanalysen, Vorberichte und Hintergrundartikel verfasste. Ihre Arbeit ist geprägt von einer strukturierten Analyse und einer verständlichen Einordnung sportlicher und statistischer Zusammenhänge.