WM 2026: Deutschlands Titeltraum beginnt mit einem Alptraum

Natalia Schubert
geprüft von Lukas Stratmann | 4 Min. Lesezeit

Die deutsche Nationalmannschaft hat ihre Mission WM 2026 mit einer historischen Niederlage begonnen. Das 0:2 am Donnerstagabend in Bratislava gegen die Slowakei war nicht nur die erste Auswärtsniederlage Deutschlands in einer WM-Qualifikation überhaupt – nach zuvor 41 Siegen und elf Unentschieden in der Ferne. Es war auch eine erschreckende Vorstellung, die Fragen aufwirft, ob Julian Nagelsmanns große Ziele nicht doch zu ambitioniert sind.

Der American Dream als Antrieb

Dabei hatte der Bundestrainer vor dem Qualifikationsauftakt selbstbewusst das große Ziel ausgegeben: Deutschland soll 2026 in den USA, Mexiko und Kanada Weltmeister werden. “Es ist gesund, dass man Ziele ausruft”, betonte Nagelsmann in Bratislava. Eine Aussage, die er auch nach der Pleite nicht zurücknehmen wollte: “Ich finde das Ziel Weltmeister nicht arrogant. Was wäre denn die Alternative?”

Die Ansprüche sind hoch, das Selbstverständnis klar definiert. Für Nagelsmann und Sportdirektor Rudi Völler gibt es nur eine Richtung: Nach dem enttäuschenden Ausscheiden im Nations-League-Halbfinale gegen Portugal im eigenen Land soll bei der WM der große Wurf gelingen. Der fünfte Stern soll her, 32 Jahre nach dem letzten Triumph in Italien.

Neue Strukturen für alte Tugenden

Um dieses Ziel zu erreichen, hat Nagelsmann nach intensiven Analysen im Allgäu seine “neue Ordnung” entwickelt. Kernstück dieser Neuausrichtung: Joshua Kimmich kehrt dauerhaft ins zentrale Mittelfeld zurück. “In der Zentrale hat er den größten Einfluss auf unser Spiel”, erklärte der Bundestrainer. Der Bayern-Kapitän soll als Taktgeber das Tempo steuern und als Führungsspieler Ruhe ausstrahlen.

Die Rückkehr zu einer stabilen Viererkette, wie sie Deutschland schon 2014 den WM-Titel bescherte, ist ein weiteres Element von Nagelsmanns Plan. “Wir dürfen nicht den Fehler machen, Spanien 2.0 sein zu wollen”, mahnte er. Stattdessen soll über “deutsche Tugenden” der Weg zu attraktivem und erfolgreichem Fußball führen.

Personalsorgen und Experimente

Doch schon beim Auftakt zeigten sich die Probleme. Mit Marc-André ter Stegen, Nico Schlotterbeck, Jamal Musiala, Kai Havertz und Tim Kleindienst fehlten wichtige Spieler verletzt. Debütant Nnamdi Collins von Eintracht Frankfurt musste direkt in die Startelf und war mit der Aufgabe als Rechtsverteidiger sichtlich überfordert.

Die katastrophale Defensive, eine ideenlose Offensive und eine chaotische taktische Grundordnung führten zur verdienten Niederlage. David Hancko (42.) und David Strelec (55.) trafen für die Slowaken, die das deutsche Team phasenweise vorführten.

Schonungslose Selbstkritik

Nach dem Spiel fand Kapitän Kimmich deutliche Worte: “Wir haben vorher vom WM-Pokal geredet, aber wenn wir so weitermachen, fahren wir nicht mal zur WM.” Auch Torhüter Oliver Baumann, der mehrfach ein höheres Debakel verhinderte, sprach Klartext: “Die Basics haben gefehlt, die Aggressivität, das Zweikampfverhalten, die Emotionalität.”

Diese schonungslose Selbstkritik zeigt: Das Team weiß um die Defizite. Die Frage ist nur, ob die Zeit bis zur WM reicht, um aus einer verunsicherten Mannschaft wieder ein Team zu formen, das um Titel spielen kann.

Der enge Zeitplan als Herausforderung

Die Zeit drängt: Bis zur WM-Auslosung im Dezember 2025 bleiben nur sechs Qualifikationsspiele. Hinzu kommen maximal vier Testpartien im kommenden Jahr. Nagelsmann muss in dieser kurzen Phase seine Stammelf finden und einspielen. “Wir werden nicht mehr so viel verändern, weil die Gruppe sehr stimmig ist”, hatte er noch im Sommer erklärt. Die Niederlage in Bratislava dürfte diese Einschätzung ins Wanken bringen.

Besonders brisant: Deutschland muss sich überhaupt erst einmal für die WM qualifizieren. In der Vierergruppe mit Slowakei, Nordirland und Luxemburg zählt nur der Gruppensieg direkt. Der Zweite muss in die Playoffs – ein Risiko, das nach dem Fehlstart durchaus real geworden ist.

Die Suche nach Stabilität

Nagelsmanns Ansatz, über Dominanz und Kontrolle zum Erfolg zu kommen, scheiterte in Bratislava kläglich. “Von jedem Einzelnen erwarte ich totale Überzeugung und hundertprozentiges Commitment”, hatte er gefordert. Davon war gegen die Slowakei nichts zu sehen.

Die Rückkehr von Antonio Rüdiger sollte eigentlich Stabilität in die Abwehr bringen. Doch der Real-Madrid-Profi wirkte ebenso verunsichert wie sein Nebenmann Jonathan Tah. Die fehlende Absicherung durch den überforderten Collins tat ihr Übriges.

Hoffnung auf Wiedergutmachung

Am Sonntag in Köln gegen Nordirland bietet sich die erste Chance zur Wiedergutmachung. Im ausverkauften RheinEnergie-Stadion will die Mannschaft zeigen, dass Bratislava nur ein Ausrutscher war. “Wir müssen alle eine große Schippe drauflegen”, forderte Baumann.

Nagelsmann steht vor der Herausforderung, die richtigen Lehren aus der Pleite zu ziehen. Die Balance zwischen notwendigen Korrekturen und dem Festhalten am eingeschlagenen Weg wird entscheidend sein. Zu viele Veränderungen könnten weitere Verunsicherung bringen, zu wenige die Probleme zementieren.

Der Traum lebt weiter – noch

Trotz des Fehlstarts hält Nagelsmann am großen Ziel fest. Der WM-Titel 2026 bleibt das erklärte Ziel. Doch der Weg dorthin ist nach der historischen Niederlage steiniger geworden. Die deutsche Nationalmannschaft muss beweisen, dass sie aus Rückschlägen lernen und sich weiterentwickeln kann.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob Nagelsmanns “neue Ordnung” trägt oder ob weitere Anpassungen nötig sind. Eines ist sicher: Der Druck ist gestiegen, die Euphorie der Heim-EM verflogen. Jetzt muss das Team zeigen, dass es auch in schwierigen Phasen zusammensteht und an den großen Zielen festhält.

Der American Dream ist nicht geplatzt – aber er ist in weite Ferne gerückt. Es liegt nun an Nagelsmann und seinen Spielern, die richtigen Antworten zu finden und den Glauben an den ganz großen Erfolg wiederzubeleben. Die Zeit läuft.

Natalia Schubert - Fußballanalystin & Sportjournalistin |
Natalia Schubert Natalia Schubert ist Fußballanalystin und seit über zwölf Jahren im professionellen Sportjournalismus tätig. Sie analysiert nationale und internationale Wettbewerbe mit Schwerpunkt auf taktischen Zusammenhängen, statistischen Auswertungen und der Einordnung sportlicher Leistungen.

In dieser Zeit schrieb sie für verschiedene renommierte Sportmagazine und Online-Redaktionen, für die sie Spielanalysen, Vorberichte und Hintergrundartikel verfasste. Ihre Arbeit ist geprägt von einer strukturierten Analyse und einer verständlichen Einordnung sportlicher und statistischer Zusammenhänge.