Deutsche Tennis-Sensation: 35-jähriger Qualifikant schlägt Weltranglistenelften – Jan-Lennard Struff hat bei den US Open 2025 für eine der größten Überraschungen des Turniers gesorgt. Der 35-jährige Deutsche, der sich über die Qualifikation ins Hauptfeld kämpfen musste, besiegte in einem dramatischen Fünfsatz-Match den an Position elf gesetzten Dänen Holger Rune mit 7:6 (7:5), 2:6, 6:3, 4:6, 7:5. Nach 3 Stunden und 25 Minuten verwandelte der Warsteiner seinen zweiten Matchball mit seinem 28. Ass des Abends und sicherte sich damit erstmals seit 2021 den Einzug in die dritte Runde von Flushing Meadows.
Emotionaler Sieg nach schwierigen Monaten
Die Erleichterung war Struff nach dem verwandelten Matchball deutlich anzusehen. Mit erhobenen Armen blickte er in den New Yorker Nachthimmel, bevor er wie ein Teenager über den bis auf den letzten Platz gefüllten Court 17 hüpfte. „Das ist einfach verrückt. Es war ein brutaler Kampf, und ich bin jetzt einfach nur glücklich und erleichtert”, erklärte der Deutsche im On-Court-Interview, sichtlich bewegt von den frenetischen Anfeuerungsrufen der Zuschauer.
Der Erfolg kommt nach einer extrem schwierigen Phase für den Routinier. Verletzungsbedingt war Struff zwischenzeitlich auf Platz 144 der Weltrangliste abgerutscht – eine bittere Erfahrung für einen Spieler, der noch im Juni 2023 seine Karrierebestmarke von Rang 21 erreicht hatte. „Die letzten Monate waren mental und körperlich eine enorme Herausforderung. Dieser Sieg fühlt sich wahnsinnig gut an”, fügte er mit einem breiten Grinsen hinzu.
Historischer Erfolg für deutschen Tennis
Mit seinem Triumph schrieb Struff ein kleines Stück deutscher Tennisgeschichte: Mit 35 Jahren und vier Monaten ist er der älteste deutsche Profi, der bei einem Grand-Slam-Turnier einen Gegner aus den Top 20 besiegen konnte. Auf die Frage, ob er damit zum „alten Eisen” gehöre, antwortete Struff schlagfertig: „Du willst mir also sagen, dass ich alt bin? Ich fühle mich jedenfalls nicht so!”
Auch Tennis-Legende Boris Becker zeigte sich beeindruckt von der Leistung seines Landsmanns. „Das ist absolut verdient. Struffi ist ein super Typ und ein Kämpfer vor dem Herrn. Ich gönne es ihm von Herzen”, kommentierte der sechsmalige Grand-Slam-Sieger bei Sporteurope.tv.
Taktische Meisterleistung gegen favorisierten Rune
Für Rune war es bereits das zweite Aufeinandertreffen mit Struff – und erneut eine bittere Niederlage. Im Halbfinale von München 2024 hatte der Deutsche den Dänen mit 6:2, 6:0 regelrecht deklassiert, bevor er sich später seinen ersten und bislang einzigen ATP-Titel sicherte. Auch diesmal fand der 13 Jahre jüngere Rune kein dauerhaftes Rezept gegen Struffs variables Serve-and-Volley-Spiel.
Im ersten Satz wehrte Struff im Tiebreak einen Rückstand ab und sicherte sich den Durchgang mit 7:5. Nach dem Satzausgleich durch Rune im zweiten Abschnitt steigerte sich der Deutsche wieder und holte sich mit einem Break zum 5:3 den dritten Satz. „Er spielt bärenstark. Das ist vollkommen verdient”, analysierte Becker während der Live-Übertragung.
Drama im vierten Satz
Als Struff im vierten Satz bereits mit einem Break führte und wie der sichere Sieger aussah, wendete sich das Blatt dramatisch. Sein sonst so zuverlässiger Aufschlag ließ ihn im Stich – er traf kaum noch erste Services und kassierte prompt das Rebreak. Beim Stand von 4:5 und 15:40 unterlief ihm dann auch noch ein Doppelfehler, der Rune zurück ins Match brachte.
Doch im entscheidenden fünften Satz bewies der Warsteiner seine mentale Stärke. Mit aggressivem Tennis und präzisen Aufschlägen arbeitete er sich das entscheidende Break zum 6:5 heraus. Anschließend servierte er das Match souverän nach Hause – sein 28. Ass des Abends besiegelte den größten Erfolg seit langem.
Schwere Aufgabe gegen Lokalmatador Tiafoe
In der dritten Runde wartet nun mit Frances Tiafoe ein echter Härtetest auf Struff. Der US-Amerikaner, aktuell die Nummer 17 der Welt, geht als klarer Favorit in die Partie – die Buchmacher sehen seine Siegchancen bei 77 Prozent. Tiafoe hat seit 2022 bereits 15 Matches bei den US Open gewonnen und ist der einzige Spieler, der in den letzten drei Jahren jeweils mindestens das Viertelfinale erreichte. 2023 stand er sogar im Halbfinale.
Die Quoten spiegeln die Außenseiterrolle Struffs deutlich wider: Während ein Sieg des Deutschen mit einer Quote von etwa 3,50 belegt wird, liegt die Quote für einen Tiafoe-Erfolg bei lediglich 1,30. Dennoch hat Struff bereits bewiesen, dass er an einem guten Tag jeden schlagen kann – zuletzt mit seinem Triumph über Rune.
Djokovic als möglicher Viertelfinal-Gegner
Sollte Struff die Sensation gegen Tiafoe schaffen, könnte im Achtelfinale ein Duell mit Tennis-Ikone Novak Djokovic warten. Der 24-fache Grand-Slam-Champion setzte sich in der zweiten Runde gegen den amerikanischen Qualifikanten Zachary Svajda mit 6:7 (5:7), 6:3, 6:3, 6:1 durch. Für Struff wäre es das dritte Grand-Slam-Achtelfinale seiner Karriere nach Roland Garros 2019 und 2021.
Qualifikations-Marathon als Charaktertest
Struffs Weg ins Hauptfeld war alles andere als einfach. Zum ersten Mal seit den Australian Open 2023 musste er sich über die Qualifikation für ein Grand-Slam-Turnier qualifizieren. In der zweiten Qualifikationsrunde stand er gegen Taro Daniel bereits mit dem Rücken zur Wand und profitierte von einem wetterbedingten Abbruch, der ihm half, das Match noch zu drehen.
Diese Erfahrung scheint den erfahrenen Profi nur noch stärker gemacht zu haben. „Die Qualifikation war mental extrem fordernd, aber sie hat mir auch gezeigt, dass ich noch immer auf höchstem Niveau mithalten kann”, reflektierte Struff. „Jetzt genieße ich einfach jeden Moment hier in New York.”
Ausblick: David gegen Goliath
Das anstehende Duell mit Tiafoe verspricht ein echter Prüfstein zu werden. Der US-Amerikaner wird als Lokalmatador die Unterstützung des heimischen Publikums genießen. Doch Struff hat auf dem kleineren Court 17 bereits bewiesen, dass er auch das New Yorker Publikum für sich gewinnen kann.
„Die Atmosphäre war der Wahnsinn. Die Energie von den Rängen hat mich richtig getragen”, schwärmte Struff. Mit seiner kämpferischen Einstellung und seinem variablen Spiel hat er durchaus Chancen, auch gegen Tiafoe für eine Überraschung zu sorgen. Das Match ist für Freitag, den 29. August, angesetzt und wird voraussichtlich zur besten Sendezeit stattfinden.
Eines ist sicher: Jan-Lennard Struff hat mit seinem Sieg über Holger Rune bereits jetzt für einen der emotionalsten Momente der diesjährigen US Open gesorgt. Der deutsche Tennis-Kämpfer ist zurück – und das mit 35 Jahren eindrucksvoller denn je.


