Handshake-Dialog in der Bundesliga: Gut gemeint, schlecht umgesetzt?

Natalia Schubert
| veröffentlicht am: 27.08.25 (aktualisiert: 27.08.25)
geprüft von Lukas Stratmann | 3 Min. Lesezeit

Die neue Regel für mehr Respekt spaltet die Fußball-Gemeinschaft – Seit Beginn der Saison 2025/26 sorgt eine Neuerung in der Bundesliga für heftige Diskussionen: der sogenannte Handshake-Dialog. Was als Maßnahme für mehr Respekt und besseres Miteinander gedacht war, entwickelt sich zunehmend zum Streitthema zwischen Befürwortern und Kritikern.

Was ist der Handshake-Dialog?

Die Initiative der DFL-Kommission Fußball, die in enger Abstimmung mit der DFB Schiri GmbH entwickelt wurde, sieht vor, dass sich 70 Minuten vor jedem Anpfiff beide Trainer, die Kapitäne und das Schiedsrichterteam in der Kabine der Unparteiischen zu einem kurzen Austausch treffen. Diese Regelung gilt sowohl für die Bundesliga als auch für die 2. und 3. Liga.

Das erklärte Ziel: Alle Beteiligten sollen sich “auf Augenhöhe begegnen und einen respektvollen Umgang pflegen”. Es geht um präventive Kommunikation, bei der nicht nur Regelhinweise wie die 8-Sekunden-Regel für Torhüter besprochen, sondern auch mögliche Spannungen aus dem Weg geräumt werden sollen.

Die Befürworter: “Ein wichtiges Signal”

Freiburgs Trainer Julian Schuster zeigt sich als einer der wenigen Fürsprecher überzeugt von der Neuerung: “Viele belächeln das Format, aber ich finde es hilfreich. Man begegnet sich das erste Mal nicht an der Seitenlinie unter Spannung, sondern in ruhiger Atmosphäre. Das kann Konflikten vorbeugen.”

Der 39-Jährige betont besonders die Signalwirkung in Richtung Amateurfußball: “Wir alle haben eine Vorbildfunktion. Wenn wir oben ein gutes Miteinander vorleben, hilft das auch in den unteren Ligen.”

Auch der Bund Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL) steht hinter der Maßnahme. “In England und Belgien sind diese Zusammenkünfte mittlerweile obligatorisch und haben nachweislich einen positiven Effekt ergeben”, erklärt Benno Möhlmann, Rekordtrainer der 2. Liga.

Die Kritiker: “Unnötiger Schnickschnack”

Deutlich lauter sind allerdings die kritischen Stimmen. Kölns Trainer Lukas Kwasniok fand nach seinem ersten Handshake-Dialog klare Worte: “Für mich bringt das keinen Mehrwert. Die Beteiligten wissen oft gar nicht, was sie sagen sollen, und meine eigene Vorbereitung wird unterbrochen.”

Er bezeichnet die Maßnahme als “Kokolores” und fordert deren sofortige Abschaffung: “Es war sicher gut gemeint, aber nicht jede Idee bewährt sich. Da hat keiner Lust drauf.”

Heidenheims Frank Schmidt bemängelt vor allem das Timing: “Das Treffen fällt mitten in meine Besprechung vor Heimspielen. Das bringt mich ehrlich gesagt in zeitliche Bedrängnis.”

Prominente Unterstützung für die Kritiker

Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt die Kritik von Ex-Nationalspieler Toni Kroos in seinem Podcast “Einfach mal Luppen”. Der sechsfache Champions-League-Sieger machte sich über die Regelung lustig: “Du bist unmittelbar drin in der Vorbereitung. Jetzt sagen wir einmal, wie lieb wir uns haben. Und in Minute fünf gibt es keinen Handshake mehr, dann gibt’s Gelb.”

Mit beißender Ironie fügte er hinzu: “Wie viel Bock du hast, wenn er dir zwei Wochen vorher das Spiel verpfiffen hat. Dann sagst du: ‚Hallo, heute besser! Vor zwei Wochen hast du schöne Scheiße gepfiffen.'”

Kroos’ Fazit: “Das hat überhaupt keinen Effekt und keinen Wert.” Als Kompromiss schlug er vor: “Vielleicht kann man sich auf eine freiwillige Basis einigen.”

Die Schiedsrichter-Perspektive

FIFA-Schiedsrichter Florian Badstübner sieht durchaus Potenzial in der Neuerung: “Man kann auch Themen aus vorherigen Spielen ansprechen oder Infos teilen, falls es besondere Vorkommnisse mit den Fans geben könnte.” Für ihn bietet das Treffen die Chance, präventiv Probleme zu entschärfen.

Knut Kircher, Geschäftsführer der DFB Schiri GmbH, betont den Dialog-Charakter: “Wir wollen mit dem Handshake-Dialog die Grenzen austauschen, die wir uns gemeinsam setzen wollen.” Der Kapitän solle dabei als “verlängerter Arm” eingebunden werden, der in kritischen Situationen helfen könne.

Ein polarisierendes Experiment

Nach den ersten Spieltagen zeigt sich: Der Handshake-Dialog polarisiert wie kaum eine andere Regel-Neuerung der letzten Jahre. Während die einen darin einen wichtigen Schritt zu mehr Respekt und fairem Umgang sehen, empfinden andere ihn als störende Unterbrechung ihrer Spielvorbereitung.

Die DFL hat angekündigt, die Wirkung der Maßnahme in der Winterpause zu evaluieren. Dann wird sich entscheiden, ob das Format bleibt, angepasst oder abgeschafft wird. Bis dahin bleibt der Handshake-Dialog das, was im Fußball fast immer Aufmerksamkeit garantiert: ein Thema für lebhafte Diskussionen.

Fazit: Die Suche nach der goldenen Mitte

Die Idee hinter dem Handshake-Dialog ist zweifellos lobenswert. In Zeiten, in denen respektloser Umgang mit Schiedsrichtern vom Profi- bis zum Amateurfußball zunimmt, sind Maßnahmen zur Verbesserung des Miteinanders wichtig.

Die Umsetzung jedoch wirkt noch nicht ausgereift. Der Zeitpunkt 70 Minuten vor Anpfiff stört tatsächlich viele etablierte Abläufe. Eine Verlegung oder eine flexiblere Handhabung könnten hier Abhilfe schaffen. Vielleicht wäre auch Kroos’ Vorschlag einer freiwilligen Basis ein gangbarer Kompromiss – zumindest für eine Testphase.

Eines hat die Neuerung aber bereits erreicht: Sie hat eine wichtige Diskussion über Respekt und Kommunikation im Fußball angestoßen. Und allein das könnte sich langfristig als wertvoll erweisen.

Natalia Schubert - Fußballanalystin & Sportjournalistin |
Natalia Schubert Natalia Schubert ist Fußballanalystin und seit über zwölf Jahren im professionellen Sportjournalismus tätig. Sie analysiert nationale und internationale Wettbewerbe mit Schwerpunkt auf taktischen Zusammenhängen, statistischen Auswertungen und der Einordnung sportlicher Leistungen.

In dieser Zeit schrieb sie für verschiedene renommierte Sportmagazine und Online-Redaktionen, für die sie Spielanalysen, Vorberichte und Hintergrundartikel verfasste. Ihre Arbeit ist geprägt von einer strukturierten Analyse und einer verständlichen Einordnung sportlicher und statistischer Zusammenhänge.