BVB verlängert mit Kovac: Zwischen Vertrauen und Risiko

Natalia Schubert
geprüft von Lukas Stratmann | 3 Min. Lesezeit

Borussia Dortmund hat am Dienstag, den 27. August 2025, überraschend die vorzeitige Vertragsverlängerung mit Cheftrainer Niko Kovac bis zum 30. Juni 2027 bekanntgegeben. Die Entscheidung fiel nur wenige Tage nach dem enttäuschenden 3:3-Unentschieden zum Bundesliga-Auftakt beim FC St. Pauli, bei dem der BVB eine 3:1-Führung noch aus der Hand gab.

Der Zeitpunkt der Verlängerung sorgt für Diskussionen, da der Verein ursprünglich erst im Herbst über die Zukunft des Kroaten entscheiden wollte. BVB-Geschäftsführer Lars Ricken begründete die Entscheidung mit Kovacs erfolgreicher Arbeit seit seinem Amtsantritt im Februar: “Niko hat sich seiner Aufgabe beim BVB mit Haut und Haaren verschrieben. Er ist ein Fußballfachmann mit klaren Prinzipien, grundehrlich, geradeaus in seiner Kommunikation und belohnt Leistung.”

Der Retter in der Not

Kovac hatte die Schwarz-Gelben im Februar als Nachfolger des glücklosen Nuri Sahin auf dem elften Tabellenplatz übernommen. Mit einem beeindruckenden Schlussspurt führte er das Team noch auf den vierten Rang und sicherte die lukrative Champions-League-Qualifikation. In 14 Bundesliga-Partien holte der 53-Jährige 28 Punkte – eine Bilanz, die Ricken als “eine der größten Trainerleistungen in der Geschichte des BVB” bezeichnete.

“Unter seiner disziplinierten Leitung haben wir wieder in die Erfolgsspur gefunden, unsere Defensivarbeit stabilisiert, deutlich mehr Tore erzielt als zuvor und wieder attraktiven Fußball gespielt”, lobte Ricken. Die Dortmunder kassierten in der vergangenen Saison über 100 Millionen Euro durch die Champions-League-Teilnahme – ein finanzieller Aspekt, der bei der Entscheidung sicher eine Rolle spielte.

Gespaltene Fanreaktionen

Die Reaktionen im BVB-Umfeld fallen höchst unterschiedlich aus. Während die Vereinsführung geschlossen hinter der Entscheidung steht, zeigen sich viele Fans und Influencer kritisch. “Willkommen im Bundesliga-Mittelmaß”, kommentierte etwa Manu Thiele auf Social Media. Sascha Staat erklärte, er habe “selten eine Vertragsverlängerung beim BVB erlebt, die auf so wenig Verständnis stoße.”

Besonders das Timing stößt auf Kritik. Alex Truica bezeichnete die Entscheidung als “unnötig überstürzt” und merkte an, man hätte die sportliche Entwicklung bis Winter abwarten können. Andere Stimmen warnen vor den bekannten Auswärtsproblemen des BVB und befürchten, dass Niederlagen wie beim FC St. Pauli kein Einzelfall bleiben werden.

Schwacher Saisonstart weckt Zweifel

Der Saisonauftakt gibt den Kritikern Recht: Nach dem mühsamen 1:0 im DFB-Pokal bei Drittligist Rot-Weiss Essen verspielte der BVB in Hamburg eine komfortable 3:1-Führung. Nach der Roten Karte für Bundesliga-Debütant Filippo Mane in der 85. Minute kassierte Dortmund noch zwei späte Gegentore durch Danel Sinani (Elfmeter) und Eric Smith.

Kovac selbst zeigte sich nach dem Spiel selbstkritisch: “Wir waren über 90 Minuten nicht so konzentriert, wie ich mir das vorstelle. Wir haben den Kampf nicht so angenommen, wie wir ihn hier in St. Pauli annehmen müssen.”

Verstärkungen sollen folgen

Parallel zur Trainerverlängerung arbeitet der BVB an der Kaderverbesserung. Kurz vor dem Abschluss steht ein Doppeltransfer vom FC Chelsea: Mittelfeldspieler Carney Chukwuemeka, der bereits in der Rückrunde auf Leihbasis für Dortmund spielte, soll für etwa 25 Millionen Euro fest verpflichtet werden. Zudem wird Innenverteidiger Aaron Anselmino vom FC Chelsea ausgeliehen, um die verletzungsgeplagte Defensive zu verstärken.

Ein riskantes Vertrauensvotum

Die frühe Vertragsverlängerung ist typisch für die aktuelle BVB-Führung, die nach Jahren der Unruhe auf Kontinuität setzt. Doch das Timing birgt Risiken: Seit Jürgen Klopp gelang es keinem Trainer, eine Ära in Dortmund zu prägen. Peter Bosz, Peter Stöger, Marco Rose und zuletzt Nuri Sahin – sie alle scheiterten trotz anfänglicher Euphorie.

Kovacs durchschnittliche Amtszeit bei seinen bisherigen Stationen beträgt nur eineinhalb Jahre. Einzig bei Eintracht Frankfurt, wo er 2018 sensationell den DFB-Pokal holte, hielt er länger als zwei Jahre durch. Bei Bayern München gewann er zwar das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Supercup, musste aber nach internen Querelen schon nach gut einem Jahr gehen.

Fazit: Zwischen Hoffnung und Skepsis

Die Vertragsverlängerung sendet ein klares Signal: Der BVB glaubt an Stabilität durch Kontinuität. Doch ob Kovac der richtige Mann ist, um die Dortmunder wieder dauerhaft in die nationale Spitze zu führen, muss er erst noch beweisen. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die frühe Vertragsverlängerung ein kluger Schachzug oder eine überstürzte Entscheidung war.

Am Sonntag wartet mit Union Berlin der nächste Gegner auf den BVB. Ein Sieg ist Pflicht, um nicht schon früh in der Saison unter Druck zu geraten. Kovac und seine Mannschaft müssen beweisen, dass der erfolgreiche Schlussspurt der vergangenen Saison kein Einmaleffekt war, sondern der Beginn einer nachhaltigen Entwicklung.

Natalia Schubert - Fußballanalystin & Sportjournalistin |
Natalia Schubert Natalia Schubert ist Fußballanalystin und seit über zwölf Jahren im professionellen Sportjournalismus tätig. Sie analysiert nationale und internationale Wettbewerbe mit Schwerpunkt auf taktischen Zusammenhängen, statistischen Auswertungen und der Einordnung sportlicher Leistungen.

In dieser Zeit schrieb sie für verschiedene renommierte Sportmagazine und Online-Redaktionen, für die sie Spielanalysen, Vorberichte und Hintergrundartikel verfasste. Ihre Arbeit ist geprägt von einer strukturierten Analyse und einer verständlichen Einordnung sportlicher und statistischer Zusammenhänge.