Mit dem Start der Saison 2025/26 führt die Bundesliga die halbautomatische Abseitserkennung ein – ein technologischer Meilenstein, der das Spiel schneller und fairer machen soll. Die “Semi-Automated Offside Technology” (SAOT) kommt nach erfolgreichen Einsätzen bei der WM 2022 in Katar und der EM 2024 nun auch in Deutschlands höchsten Spielklassen zum Einsatz.
“Die halbautomatische Abseitstechnologie kommt zur nächsten Bundesliga-Saison”, bestätigte DFB-Schiedsrichter-Chef Knut Kircher bereits im Januar 2025. Die Entscheidung fiel nach gründlicher Vorbereitung und gezielten Tests – ganz im Gegensatz zur überstürzten Einführung in England.
So funktioniert die neue Technologie
Das System basiert auf einem Netzwerk hochauflösender Spezialkameras in allen 36 Stadien der ersten beiden Ligen. Diese erfassen die Bewegungen der Spieler und des Balls in Echtzeit. Eine künstliche Intelligenz analysiert die Daten und berechnet die exakten Positionen – dabei werden pro Spieler 21 Körperpunkte dreidimensional erfasst, darunter Kopf, Schultern, Knie und Füße.
Auf Basis dieser Daten werden Abspielmomente und potenziell strafbare Abseitsstellungen automatisch erkannt. Eine virtuelle Abseitslinie wird erstellt, die der Video-Assistent überprüft. Die Entscheidung wird anschließend an den Schiedsrichter auf dem Feld weitergegeben.
“Wir sind mit diesem System einfach schneller”, erklärt Knut Kircher, Geschäftsführer der DFB Schiri GmbH. Die Hoffnung: VAR-Checks bei knappen Abseitsentscheidungen sollen künftig nur noch wenige Sekunden statt mehrere Minuten dauern.
Premier League als abschreckendes Beispiel
Bei der Entwicklung setzte Deutschland bewusst auf Gründlichkeit statt Schnelligkeit. “Die Premier League hat das großspurig angekündigt und kurz darauf die Vollbremsung gemacht”, blickte Kircher kritisch auf die Insel.
Dort kam es in der 5. Runde des FA Cups zu einem spektakulären Fehlschlag: Beim Spiel zwischen Bournemouth und Wolverhampton streikte die Technik, ein VAR-Check dauerte insgesamt acht Minuten. Die Premier League verschob daraufhin die Einführung im Ligabetrieb mehrfach – zuletzt im März 2025 nach einem erneuten Votum der Clubs.
Transparenz für die Fans
Die Ergebnisse der Abseitserkennung werden im Fernsehsignal grafisch in einer Animation dargestellt. DFB und DFL wollen damit “sehr transparent umgehen”, wie es offiziell heißt. Die Fans im Stadion und vor den Bildschirmen sollen nachvollziehen können, wie die Entscheidung zustande kam.
Ansgar Schwenken, DFL-Direktor Spielbetrieb & Fans, betont zudem: “Der Schiedsrichter wird im totalen Zweifel nicht gegen den Angreifer entscheiden.” Die Technologie soll helfen, aber nicht die menschliche Einschätzung ersetzen – besonders bei der Bewertung von passivem Abseits oder aktiver Einflussnahme bleibt der Schiedsrichter gefragt.
Hoffnung auf weniger “Reklamier-Arme”
Einen unerwarteten Nebeneffekt erhofft sich FIFA-Schiedsrichter Florian Badstübner: “Vielleicht schaffen wir es tatsächlich mal, dass die Torhüter den Arm nicht mehr heben”, sagte der 34-Jährige aus Windsbach bei einem Medientermin lächelnd.
Der berühmte “Reklamier-Arm”, vor allem durch Manuel Neuer zur Perfektion gebracht, könnte durch die schnelle und präzise Technik überflüssig werden. Schließlich wird ohnehin jedes Tor automatisch überprüft.
Weitere Neuerungen zur Saison 2025/26
Die Acht-Sekunden-Regel sorgt für Aufsehen
Neben SAOT gibt es weitere Regeländerungen. Besonders die neue “Acht-Sekunden-Regel” für Torhüter sorgte gleich am ersten Spieltag für Schlagzeilen: Martin Männel vom FC Erzgebirge Aue war in der 39. Minute gegen Hansa Rostock der erste Keeper, der die neue Vorgabe zu spüren bekam.
Statt wie bisher sechs dürfen Torhüter den Ball nun acht Sekunden in der Hand halten. Der Schiedsrichter zeigt die letzten fünf Sekunden als Countdown mit der Hand an. Bei Überschreitung gibt es allerdings keinen indirekten Freistoß mehr, sondern einen Eckball für den Gegner – eine deutlich mildere Strafe.
“Die Regel hatte ich im Kopf, aber habe es selbst nicht mitbekommen, dass der Schiedsrichter das Martin auch angezeigt hatte”, erklärte Aues Neuzugang Moritz Seiffert nach dem Spiel. “Wenn durch diese Regel unterbunden wird, dass die Torhüter sich zu viel Zeit lassen, warum nicht?”
Ref-Cam wird Standard
Die bereits seit Februar 2024 getestete Ref-Cam soll in der neuen Saison bei 20 bis 50 Partien zum Einsatz kommen. Die Kamera am Schiedsrichter-Headset liefert spektakuläre TV-Bilder aus der Perspektive des Unparteiischen und soll für mehr Verständnis bei den Zuschauern sorgen.
Schiedsrichter-Durchsagen in allen Stadien
Nach einem erfolgreichen Pilotprojekt in der Rückrunde 2024/25 werden Schiedsrichter ihre Entscheidungen nun in allen 36 Stadien erläutern – immer dann, wenn sie zur Überprüfung am Monitor waren. In der Bundesliga startet dies ab dem 1. Spieltag, in der 2. Liga ab dem 9. Spieltag.
Handshake-Dialog wird Pflicht
70 Minuten vor Anpfiff treffen sich künftig Schiedsrichter, Trainer und Kapitäne zum kurzen Austausch in der Schiri-Kabine. Das Ritual soll gegenseitige Erwartungen abstimmen und den Ton im Spiel verbessern.
Positive Entwicklung beim Schiri-Nachwuchs
Trotz aller Technik bleibt der Mensch im Mittelpunkt. Umso erfreulicher ist die Entwicklung beim Nachwuchs: Für die Saison 2024/25 zählt der DFB rund 61.000 aktive Unparteiische – knapp 2.500 mehr als im Vorjahr. Die regionalen Workshops zwischen Schiedsrichtern und Trainern sollen diese positive Entwicklung weiter fördern.
Kosten überschaubar – Clubs tragen die Last
Über die genauen Kosten für SAOT macht die DFL keine Angaben. Sie seien “überschaubar” und werden von den Bundesliga-Clubs getragen, heißt es offiziell. Angesichts der Vorteile – schnellere Entscheidungen, mehr Akzeptanz, fairerer Wettbewerb – dürfte sich die Investition lohnen.
Fazit: Mut zur Innovation zahlt sich aus
Mit der halbautomatischen Abseitserkennung geht die Bundesliga einen wichtigen Schritt in Richtung Zukunft. Anders als die Premier League hat man sich Zeit gelassen, gründlich getestet und auf bewährte Technologie gesetzt.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob SAOT hält, was sie verspricht. Erste internationale Erfahrungen stimmen optimistisch: Bei der Klub-WM im Sommer funktionierte das System reibungslos.
Eines ist sicher: Die Bundesliga positioniert sich technologisch an der Spitze des Weltfußballs. Und vielleicht erleben wir tatsächlich das Ende des “Reklamier-Arms” – auch wenn selbst die Schiedsrichter daran noch nicht so recht glauben wollen.


