Borussia Dortmund steht vor einer Zäsur: Erstmals in der 116-jährigen Vereinsgeschichte kommt es zu einer Kampfabstimmung um das Präsidentenamt. Hans-Joachim Watzke hat am Mittwoch offiziell seine Kandidatur bekannt gegeben – ausgerechnet am 72. Geburtstag des Amtsinhabers Dr. Reinhold Lunow.
Watzke folgt “der Bitte der Gremien”
“Bei unserer nächsten Mitgliederversammlung stelle ich mich zur Wahl als Präsident von Borussia Dortmund. Damit folge ich der Bitte der Gremien des BVB”, erklärte der 66-jährige Watzke in einer offiziellen Stellungnahme. Wirtschaftsrat und Ältestenrat des Clubs hatten zuvor ihre Unterstützung für eine Kandidatur signalisiert.
Der scheidende Geschäftsführer betonte: “Es wäre mir eine Ehre, wenn ich nach 20 Jahren operativer Tätigkeit unseren Verein in diesem wichtigen Amt weiterhin unterstützen könnte”. Lunow habe er seine Entscheidung in einem persönlichen Gespräch mitgeteilt.
Aus Freunden wurden Widersacher
Die Beziehung zwischen Watzke und Lunow gilt als zerrüttet. Dabei war es Watzke selbst, der Lunow vor 20 Jahren als seinen Nachfolger als Schatzmeister vorgeschlagen und vor drei Jahren dessen Wahl zum Präsidenten unterstützt hatte. Watzke war von Lunows erneuter Kandidatur überrascht worden – “weil es anders besprochen war”, wie er im Juni im kicker erklärte.
Rheinmetall-Deal als Wendepunkt
Der Bruch zwischen den einstigen Weggefährten manifestierte sich spätestens beim umstrittenen Sponsoring-Deal mit dem Rüstungskonzern Rheinmetall. Lunow hatte dem Deal zunächst zugestimmt, wechselte auf der vergangenen Mitgliederversammlung dann ins Lager der Kritiker.
Bei der Mitgliederversammlung im November 2024 erklärte Lunow: “Ich habe ja eine Praxis. Jeden Tag wurde diskutiert. Viele waren dagegen und sagen: Rheinmetall ist ok, aber muss der BVB das machen?” Der Deal, der dem BVB über drei Jahre rund 20 Millionen Euro einbringt, wurde von der Mitgliederversammlung mit deutlicher Mehrheit missbilligt.
Hybride Abstimmung als Gamechanger
Ein entscheidender Faktor für die anstehende Wahl: Das Präsidium hat einstimmig beschlossen, dass es auf der Mitgliederversammlung des e.V. eine Hybridabstimmung über den zukünftigen Präsidenten geben wird. Damit können erstmals alle rund 230.000 stimmberechtigten Mitglieder ihre Stimme abgeben – nicht nur die physisch Anwesenden in der Westfalenhalle.
Lunow bestätigte den Beschluss auf X: “Der Vorstand hat heute beschlossen, die Mitgliederversammlung 2025 im hybriden Format abzuhalten. Diesen Schritt hin zu mehr Mitgliederbeteiligung habe ich ausdrücklich unterstützt”. Allerdings fügte er kritisch hinzu: “Aus den Erfahrungen mit der Rheinmetall-Diskussion heraus hätte ich aber im Vorfeld jedoch gern ein Meinungsbild unserer Mitglieder mit einer digitalen Befragung eingeholt. Dieser Vorschlag fand im Vorstand leider keine Mehrheit.”
Watzke als klarer Favorit
Die hybride Abstimmung gilt als Vorteil für Watzke, der bundesweit deutlich bekannter ist als Lunow. In der aktiven Fanszene gibt es zwar viele Watzke-Kritiker, doch unter den 230.000 Mitgliedern deutschlandweit dürfte die Unterstützung für den Mann, der den BVB vor der Insolvenz bewahrte und zu sportlichen Erfolgen führte, überwiegen.
Zudem spricht die Vereinssatzung für Watzke: Der Wahlausschuss schlägt traditionell nur einen Kandidaten vor. Erst wenn dieser in den ersten beiden Wahlgängen keine Mehrheit erhält, können weitere Kandidaten nominiert werden. Dass Watzke der Kandidat des Wahlausschusses wird, gilt als sicher.
Vergiftetes Klima hinter den Kulissen
Wie tief die Gräben zwischen beiden Lagern sind, zeigen Berichte über das Verhalten bei öffentlichen Auftritten: Bei der Club-WM in den USA sollen beide in unterschiedlichen Hotels logiert haben. Bei einem Fantreffen in Cincinnati verließ Lunow die Veranstaltung, als Watzke mit seiner Entourage eintraf.
Im Sommer sah sich Watzke zudem einem internen Compliance-Verfahren ausgesetzt. Der Vorwurf: Er habe angeblich im Jahr 2023 zwei Charterflüge dienstlich abgerechnet, aber privat genutzt. Die interne Prüfung stellte indes kein Fehlverhalten fest. Watzke reagierte verärgert: “Dass aus vertraulichen Gremien von Borussia Dortmund interne Details trotz allumfassender Verschwiegenheitsverpflichtungen aller Beteiligten an die Öffentlichkeit gelangen, empfinde ich allerdings als enttäuschend.”
Lunows Kampfansage
Trotz schlechter Aussichten zeigt sich Lunow kämpferisch. “Wir freuen uns auf eine faire und respektvolle Debatte in den kommenden Wochen. Unser Ziel ist es, mit allen Beteiligten und möglichst vielen Mitgliedern in einen konstruktiven Austausch zu kommen”, erklärte er nach Watzkes Kandidatur.
In einem Interview mit schwatzgelb.de hatte er zuvor betont: “Es kann doch nicht schaden, wenn man eine wirkliche Wahl hat. Wenn es mit Aki Watzke und mir vielleicht auch zwei verschiedene Entwürfe gibt, dann ist das doch absolut in Ordnung”.
Watzkes beeindruckende Bilanz
Für Watzke sprechen seine Verdienste: Er übernahm 2005 einen Verein am Rande der Insolvenz und formte ihn zu einem der erfolgreichsten deutschen Clubs. Unter seiner Ägide gewann der BVB zwei Meisterschaften (2011, 2012), drei DFB-Pokale und erreichte 2013 das Champions-League-Finale. Der Umsatz stieg auf über eine halbe Milliarde Euro.
Zudem ist Watzke bestens vernetzt: Er ist Aufsichtsratschef der Deutschen Fußball Liga (DFL) und als stellvertretender Sprecher des DFL-Präsidiums qua Amt Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).
Termin steht noch nicht fest
Die Mitgliederversammlung 2025 ist noch nicht terminiert. Da sie traditionell am Totensonntag stattfindet, gilt der 23. November als wahrscheinlicher Termin. Bis dahin droht dem BVB ein monatelanger Wahlkampf, der die Gräben im Verein weiter vertiefen könnte.
Warnung vor Spaltung
Beobachter warnen vor den Folgen des Machtkampfs. Der Verein könnte unabhängig vom Wahlausgang gespalten aus dieser historischen Abstimmung hervorgehen. Während Watzke-Anhänger auf Kontinuität und Professionalität setzen, sehen Lunow-Unterstützer die Chance auf einen demokratischeren, werteorientierten BVB.
Die schwatzgelb.de-Redaktion appellierte bereits an beide Kandidaten: “Wir alle wollen das Beste für Borussia Dortmund. Und man kann durchaus geteilter Meinung sein, was das Beste für die Zukunft des BVB ist. Aber entscheidend ist, dass wir diese Diskussion auf Augenhöhe und argumentativer Ebene führen”.
Eines steht fest: Der BVB steht vor der wichtigsten Richtungsentscheidung seit Jahren. Die Mitglieder müssen entscheiden, ob sie den Architekten des sportlichen und wirtschaftlichen Aufschwungs weiter in Verantwortung sehen wollen – oder ob es Zeit für einen Neuanfang mit mehr Distanz zwischen operativem Geschäft und Vereinsführung ist.


