Wenn Wetten zu Wut werden: Deutsche Tennisspielerin Korpatsch wehrt sich gegen Hasskommentare

Natalia Schubert
geprüft von Lukas Stratmann | 3 Min. Lesezeit

Nach ihrer Turnierniederlage in Warschau erhielt Tamara Korpatsch Todesdrohungen. Mit einer ungewöhnlichen öffentlichen Gegenwehr brachte die Hamburgerin ein wachsendes Problem des modernen Tennis ins Rampenlicht: den direkten Zusammenhang zwischen Sportwetten und Hasskommentaren gegen Athleten.

Die Zahlen sind eindeutig: Nach ihrer Niederlage im Achtelfinale des WTA-Turniers in Warschau gegen die Chinesin Gao Xinyu (6:7, 4:6) wurde die 30-jährige Tamara Korpatsch zur Zielscheibe von Hasskommentaren und Todesdrohungen. Ein Nutzer wünschte ihr über Instagram den Tod – offenbar hatte er Geld auf ihren Sieg gesetzt.

Korpatschs Reaktion war bemerkenswert direkt: “Wie ihr alle sagt: Ich bin scheiße, ich kann nicht aufschlagen, ich spiele schlechtes Tennis. Wenn ich so schlecht bin, warum zur Hölle wettet ihr auf mich?”, postete die aktuell auf Rang 155 der Weltrangliste stehende Spielerin in ihrer Instagram-Story.

Sportwetten als Haupttreiber für Hasskommentare

Korpatschs Fall ist kein Einzelschicksal, sondern symptomatisch für ein wachsendes Problem im Profitennis. Laut einer aktuellen Studie der WTA sind “wütende Wetter” für 40 Prozent der Beschimpfungen gegen Tennisprofis verantwortlich. Diese erschreckende Statistik bestätigt, was viele Spielerinnen und Spieler täglich erleben.

“Du kriegst Nachrichten, in denen sie schreiben, wie viel Geld sie wegen dir verloren haben und sie drohen dir und sagen, du sollst es zurücküberweisen”, berichtete die deutsche Tennisspielerin Eva Lys bereits im vergangenen Jahr. Die 21-Jährige hatte selbst Hasskommentare öffentlich gemacht und bezeichnete sie als “Realität einer Tennisspielerin”.

Ein systemisches Problem im Tennissport

Tennis ist besonders anfällig für solche Angriffe. Anders als bei Mannschaftssportarten entscheidet hier ein einzelner Spieler über den Ausgang einer Partie – was sowohl Wettmanipulationen als auch die Frustration enttäuschter Wetter begünstigt. Alexander Zverev hatte bereits im Mai erklärt: “Für uns Tennisspieler sind die Beschimpfungen, denen wir täglich online und in den Sozialen Medien ausgesetzt sind, extrem”.

Das Ausmaß des Problems wird oft unterschätzt, da “vieles über versteckte Nachrichten, Direktnachrichten und dergleichen passiert”. Die WTA-Studie analysierte Kommentare unter Social-Media-Konten von rund 8.300 Spielerinnen und fand erschreckende Zahlen: Von 1,6 Millionen Kommentaren wurden 8.000 als gewalttätig oder bedrohlich eingestuft. Im Jahr 2024 waren 458 Spielerinnen Ziel von Missbrauch oder direkten Drohungen.

Die Integrität des Sports unter Druck

Das Problem beschränkt sich nicht nur auf Hasskommentare. Die International Tennis Integrity Agency (ITIA) deckte zwischen 2014 und 2018 mindestens 376 manipulierte Spiele und Spielphasen auf, in die über 180 professionelle Tennisspieler involviert waren. Experten warnen vor einem systemischen Problem: Rund 7.000 von den 14.000 Profis verdienen mit ihrem Sport nichts, was sie besonders anfällig für fragwürdige Angebote macht.

Wettanbieter berichten, dass Tennis mittlerweile den Fußball als problembelastete Sportart überholt hat. “Von allen Sportarten hat Tennis die größten Probleme. Und die Probleme werden immer größer”, erklärt ein Branchenexperte. Einige Wettanbieter führen bereits “Schwarze Listen” mit mehr als 50 Tennisspielern, deren Matches sie gar nicht mehr anbieten.

Psychische Belastung für die Athleten

Die Auswirkungen auf die mentale Gesundheit der Spieler sind gravierend. Kommentare wie “Hoffentlich bekommst du Krebs” oder “Bitte geh sterben” gehören zum Online-Alltag eines Tennisprofis. Die frühere Topspielerin Andrea Petkovic beschreibt das Ausmaß: “Die ersten 20, 30 Minuten nach einem Match gibst du dein Handy der Mama, dem Papa, dem Freund, der Freundin, dem Trainer. Dann geht es los: Löschen, blockieren, löschen, blockieren”.

Besonders besorgniserregend: Immer mehr Tennisspielerinnen berichten von Bedrohungen im echten Leben. Zuletzt hatten Stalking-Vorfälle um die frühere Weltranglisten-Erste Iga Świątek und die einstige US-Open-Siegerin Emma Raducanu für Aufsehen gesorgt.

Lösungsansätze und Gegenmaßnahmen

Der Tennisverband reagiert auf die Krise. Die WTA will “einen konstruktiven Dialog” mit der Glücksspielindustrie starten, um gegen diese Personen vorzugehen. Allerdings ließ der Deutsche Sportwettenverband eine entsprechende Anfrage unbeantwortet.

Technische Lösungen sind bereits in der Erprobung. Bei den French Open startete der französische Verband eine Initiative, um Spieler mit technologischer Hilfe vor Beleidigungen in sozialen Medien zu schützen. Doch die Wirksamkeit solcher Maßnahmen bleibt begrenzt, solange die Plattformbetreiber nicht konsequent handeln.

Ein Appell für mehr Respekt

Tamara Korpatsch fand für ihre Peiniger klare Worte: “Hört lieber auf damit, auf irgendwelche Spiele zu wetten, und fangt an, richtig zu arbeiten! Ich gebe einen Scheiß darauf, was ihr über mich sagt”. Diese direkte Konfrontation ist ungewöhnlich – und notwendig.

Wie die ehemalige Wimbledon-Finalistin Ons Jabeur berichtete, dachte sie bereits daran, “deshalb meine Karriere zu beenden”. Dass Sportler ihre Laufbahn wegen Hasskommentaren beenden, zeigt die Dringlichkeit des Problems.

Die Tennisbranche steht vor einer Zerreißprobe: Einerseits boomt das Geschäft mit Sportwetten, andererseits leiden die Athleten unter den Folgen. Ohne entschiedenes Handeln aller Beteiligten, von Verbänden über Plattformbetreiber bis hin zu Wettanbietern, droht dem Tennis ein nachhaltiger Imageschaden.

 

Natalia Schubert - Fußballanalystin & Sportjournalistin |
Natalia Schubert Natalia Schubert ist Fußballanalystin und seit über zwölf Jahren im professionellen Sportjournalismus tätig. Sie analysiert nationale und internationale Wettbewerbe mit Schwerpunkt auf taktischen Zusammenhängen, statistischen Auswertungen und der Einordnung sportlicher Leistungen.

In dieser Zeit schrieb sie für verschiedene renommierte Sportmagazine und Online-Redaktionen, für die sie Spielanalysen, Vorberichte und Hintergrundartikel verfasste. Ihre Arbeit ist geprägt von einer strukturierten Analyse und einer verständlichen Einordnung sportlicher und statistischer Zusammenhänge.